Bertram Schultze/AEG

Aus Erfahrung Gut

Wie Nürnberg die alten AEG-Hallen nutzt

AEG - das waren einmal Waschmaschinen,

Herde, Trockner

und Geschirrspüler.

Und zwar: made in Nürnberg. Jedenfalls bis 2007. Damals lief das letzte Gerät vom Band, Mitte März wurden die Tore geschlossen und das Werk dicht gemacht.

Von Stillstand ist seitdem aber keine Rede. Im Gegenteil. Wir haben unseren Journalisten-Nachwuchs auf das Gelände an der Fürther Straße geschickt und gebeten, an die eine oder andere Tür zu klopfen...

Bertram Schultze

...öffnet als Erster. Der gebürtige Franke - Jahrgang 1969 - ist Geschäftsführer der MIB Coloured Fields GmbH und entwickelt das alte AEG-Gelände neu. 2012 gewann er hierfür den Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Bevor er zurück nach Nürnberg kam, schuf Schultze auf dem Areal der Leipziger Baumwollspinnerei einen international bekannten Kunst-Standort.

Schultze ist Mitte 40. Sein Büro teilt er mit Kalle, dem Mischlingsrüden, der jeden Morgen mit in die Arbeit kommt.

Bertram Schultze musste in den letzten neun Jahren nicht allzu viel umbauen. Sein eigenes Büro liegt direkt neben dem Konferenzraum mit den großen Lettern. Die ganze Etage wirkt wie die Essenz dessen, was hier neu entstanden ist. Zahlreiche moderne Bilder und Skulpturen stehen neben vergilbten Ab-hier-nicht-rauchen-Schildern und einem verstaubten Tischrechner. Neu neben alt, Chrom neben Stahl.

"Die Geschichte des Areals hat das Areal geformt. Die Gebäude sind sehr massiv, haben einen guten Schnitt und viel Licht."

"Ich finde es spannend, dass sich an diesem Ort Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung begegnen können. Im täglichen Leben ist es ein angenehmer Umgang, in einer vielfältigen Umgebung zu arbeiten", fasst er die Grundidee zusammen. Nürnberg sei eben mehr als Altstadt, Bratwurst und Dürer. Mehr als Tradition. "Auf AEG" mache die Frankenmetropole cool.

Harald Dix

...hat 31 seiner 55 Lebensjahre für die AEG gearbeitet. Als Betriebsratsvorsitzender stemmte er sich im Winter 2006 gemeinsam mit den 1.800 Angestellten gegen die Werksschließung. Er war der Kopf des Streiks. Am Ort des Geschehens, dem ehemaligen Werkstor in der Muggenhofer Straße, spricht er über die intensivsten sieben Wochen seines Lebens.

Eine Chronologie des Streiks:
  • * 12. Dezember 2005: Die Muttergesellschaft Elektrolux kündigt die Schließung des Nürnberger AEG-Werks an.
  • * 13. Dezember 2005: Die AEGler legen ihre Arbeit nieder. Die Produktion ruht bis Ende des Jahres.
  • * 20. Dezember 2005: Nürnberg solidarisiert sich mit den AEG-Mitarbeitern. Mehrere tausend Menschen demonstrieren mit einer Lichterkette.
  • * 12. Januar 2006: Die ersten Verhandlungsgespräche mit Elektrolux scheitern.
  • * 20. Januar 2006: Alle Bänder stehen still. Die Beschäftigten treten in den Streik.
  • * 7. März 2006: Nach etlichen zähen Verhandlungsrunden unterschreiben Gewerkschaft und Elektrolux einen Sozialtarifvertrag. Der Streik ist beendet. Die Werksschließung konnte er nicht verhindern.
  • * 16. März 2007: Das Werkstor wird für immer geschlossen.

Christian Keimel

...erinnert ein bisschen an Eros Ramazotti: Dunkle Augen, grau-weißes Haar und Stoppelbart. Ein Espresso in der linken, eine selbstgedrehte Zigarette in der rechten Hand. Doch wenn Christian Keimel zu reden beginnt, merkt man sofort, dass man es hier mit einem waschechten Franken zu tun hat.

Gut gelaunt steht er hinter dem Tresen, im ganzen Raum ertönt entspannte Musik. Von der Decke hängen kleine Discokugeln herab, die Wand ziert eine grün-schwarz-gemusterte Tapete. Willkommen im "Café Pforte" auf AEG!

Vor zirka sieben Jahren modelte Keimel das ehemalige Pförtnerhaus zu einem kleinen Café und Bistro um. Er ist ein alter Hase im Gastrogewerbe, einige kennen ihn noch aus der Meisengeige oder dem Casablanca. Als freier Fotograf arbeitete er außerdem für Quelle.

"Als sich dort die Insolvenz langsam ankündigte, sah ich mich nach etwas anderem um."

Den markanten weißen Tresen in der Mitte des Raumes hat er nicht ganz freiwillig übernommen: Darin verlaufen dutzende Kabel für Internet und Telefonnetz des kompletten Areals. Auch die weißen Schränke dahinter stehen noch am selben Fleck wie früher. Zusammen mit den abgetretenen, grauen Fließen und den großen, zugigen Fenstern bleibt der Pforte-Charme noch heute erhalten. "Deshalb wäre es dumm, zu renovieren. Das Flair ginge verloren", sagt der 52-Jährige.

AEG von früh bis spät – oder von früher bis heute. Die Pforte trägt immer noch den Charme von damals, ergänzt durch moderne Elemente. Das Bild ist allerdings nicht in Nürnberg, sondern in der Hauptniederlassung in Berlin aufgenommen.

Die jetzige Küche war damals der Privatraum der Pförtner.

Im Nebenzimmer, in dem heute oft Feiern stattfinden, warteten die Gäste der AEG auf ihre Geschäftspartner.

Die restliche Einrichtung ist aus der Not geboren: Die grüne Tapete brachte Keimel von zu Hause mit und die vielen Glühbirnen, die sich über dem Tresen aneinanderreihen, waren damals einfach billig.

Das Herzstück aber ist die Kaffeemaschine: Eine Freundin schenkte sie ihm, Keimel baute die Maschine erst komplett auseinander, setzte einige Ersatzteile ein und baute sie wieder zusammen. So rattert und zischt sie seit dem ersten Tag bis heute treu an seiner Seite.

Seine Gäste, das sind Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Genau, wie Keimel es wollte: Das Café ist ein Treffpunkt für alle.

Besonders zur Mittagszeit herrscht Hochbetrieb. Dann gibt es Pasta und Pizza. "Einfach deshalb, weil ich Italien und das Essen dort liebe", erklärt er. Die Bestellungen seiner Kunden erwidert er mit einem lockeren "Sí". Ein bisschen Eros Ramazotti eben.

Jürgen Kunz

...arbeitet seit 1980 "auf AEG". Hier lernte er Schlosser, hier ist er nun "Service Leader Technical", wie seine Visitenkarte verrät.

Er kümmert sich um Heizung, Klimaanlage und Beleuchtung. Manche nennen ihn Hausmeister. Doch Kunz - Jahrgang 1964, dunkle Brille, schwarze Schirmmütze - ist viel mehr als das. Er kennt jede Ecke des verwinkelten Areals und die meisten der damit verbundenen Geschichten.

Das gilt auch für den "Langen Dallmann", dem nach einem AEG-Mitarbeiter benannten Metallwurm, durch den früher hunderte Waschmaschinen und Trockner quer über das riesige Gelände transportiert und am nördlichen Ende wieder ausgespuckt wurden.

Dunkel und kalt ist es im Bauch des Dallmann.

Und still. Auf dem Flachdach an der Fürther Straße war der Verkehr noch zu hören gewesen. Hier drin ist alles gedämpft.

Erst als wir uns in Bewegung setzen, erwacht auch das 300 Meter lange, drei Meter hohe und mehrere Meter breite Metallgehäuse. Bei jedem Schritt schwingt das Blech, Geräusche werden hallend zurückgeworfen. Jürgen Kunz beeindruckt das nicht mehr: "Einmal mussten wir das ganze Ding in der Mitte aufschneiden, weil sich die Geräte hier drin verkeilt hatten."

Das Förderband ist mittlerweile verschwunden, nur die Hülle ist geblieben.

"Dieses Gelände hat mir von Anfang an gefallen."

Auch heute genießt Jürgen Kunz jeden Gang über einen der vielen Höfe, grüßt hier, zeigt dort das Kunstobjekt eines lokalen Künstlers. "Ich könnte mir vorstellen, hier zu wohnen."

Trotzdem: Dass das Gelände weiter lebt, dass hier gearbeitet und geforscht wird, das freut ihn. "Das Konzept ist wunderbar." Arbeitsplätze statt Luxuslofts...

Allerdings gibt es nur eine einzige Wohnung - und die hat schon der Projektmanager bezogen. Weitere sind nicht geplant. Dafür sei es hier, wo immer noch Siemens werkelt und Musiker auftreten, zu laut, erklärt Kunz.

Neben Kunz sind nur noch zwei da, die schon in der AEG-Produktion beschäftigt waren. Kunz hatte Glück: Auch nachdem der schwedische Konzern Electrolux den Laden vor zehn Jahren dichtmachte, konnte er bleiben. "Da gab es logischerweise Neider." Er verstehe auch, wenn ehemalige Mitarbeiter heute nicht mehr gern hierher kämen. "Wir waren 100-prozentige AEG'ler", bekräftigt Kunz. "Wie eine Familie."

Ab und zu trifft er noch Kollegen von damals oder seinen Ausbilder, der heute über 80 Jahre alt ist. Dieses Wir-Gefühl fehlt ihm schon manchmal, auch wenn hier jetzt "lauter freundliche Leute" tätig seien. Doch Kunz will sich nicht beschweren: "Für mich und für das Gelände ist es hier sehr positiv gelaufen." Wenn es nach ihm geht, darf es noch lange dauern, bis er den Dienst quittiert.

Thomas Riese

...hebt sich mit seiner schwarzen Lederhose, dem schwarzen Samtsakko über dem Pullover und der schwarzen Brille von den weiß getünchten Wänden und der hellen, nüchtern eleganten Inneneinrichtung des Studios ab.

Er steht lässig ans Treppengelände gelehnt und erzählt, dass er schon als 15-Jähriger mit seiner ersten Spiegelreflexkamera schöne Dinge festhielt und in einem Dunkelkammerkurs am Gymnasium lernte, die Motive auf Fotopapier zu bannen. "Es war wie ein offenes Scheunentor, durch das ich treten durfte", sagt Riese, der mit seiner Familie in Erlenstegen lebt.

Riese hat im Auftrag der Bamberger Stadtwerke schon Brose-Bamberg-Spieler in einem Linienbus in Szene gesetzt oder die Punkrockband Itchy Poopzkid abgelichtet.

"Morgen fotografiere ich Waschmaschinen von AEG. Die wurden früher hier hergestellt und heute kommen sie aus dem Ausland. Das ist schon irgendwie verrückt."

Dort, wo früher eine Fertigungshalle untergebracht war, hat der 48-Jährige zusammen mit seiner Frau auf 52 Quadratmetern ein Fotostudio eingerichtet.

Der groß gewachsene Mann mit den schulterlangen Haaren war vor sechseinhalb Jahren einer der ersten Mieter "auf AEG".

"Damals waren kaum andere Künstler hier, und man musste sich an der Pforte anmelden, um auf das Gelände zu kommen."

Carolin Waldmann

...weiß über jeden Winkel in der erst im November vergangenen Jahres eröffneten Kulturwerkstatt bescheid.

Sie leitet das Hausmanagement und hat den Bau der Kulturwerkstatt mit begleitet. "Das schwierigste an der Arbeit ist es, alle Angebote irgendwie unter einen Hut zu bekommen."

Tanzen, Yoga, Nähkurse, Musik - Carolin Waldmann ist die erste Anlaufstelle für die Raumplanung und muss viel organisieren, koordinieren und die unterschiedlichsten Veranstaltungen im Haus planen.

Viele dieser Veranstaltungen finden in der "Halle 1" statt, dem Herzstück der Kulturwerkstatt. Dort sollen alle ihren Platz finden: Schulklassen und Erwachsene, Profis und Laien...

Impressionen von der neuen Kulturwerkstatt

Auf 4800 Quadratmetern sind jetzt fünf Einrichtungen eingezogen: die städtische Musikschule, das Kulturbüro Muggenhof, der "Kinderkunstraum", die Theaterpädagogik-Akademie der Universität Erlangen-Nürnberg und der spanische Kulturverein Centro Español. Im Erdgeschoss gibt es ein Café. Das Haus ist täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Das Bauprojekt verschlang 17 Millionen Euro. Zu AEG-Zeiten war im Gebäude eine von vielen Fertigungshallen untergebracht.

Dominik Müller

...macht Strom aus Abfall. Der 30-Jährige promoviert am Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sein Fachgebiet hat den sperrigen Namen "Kraft-Wärme-Kopplung mit einem biomassegefeuerten Stirlingmotor". Dafür verfeuert er Biomasse, etwa Getreidereste.

Vor knapp fünf Jahren hat der damals frisch gegründete Lehrstuhl die Räume auf dem alten AEG-Gelände bezogen. Müllers Arbeitsplatz ist eine Halle voller Leitungen, Rohre und 800 Grad heißer Öfen. Wie Gedärme winden sich karminrote Schläuche um glänzende Zylinder, meterhoch laufen Kabel und Drähte an Türmen aus Metallstreben entlang, um sich dann wieder zu verzweigen und ihren Inhalt am Ziel abzuliefern.

Müllers Arbeitsmaterialien sind Quarzsand und Biomasse, hauptsächlich Holzpellets. Biomasse liegt unter den regenerativen Energien im Trend. Neben Wind-, Wasser- und Sonnenkraft soll mit ihr die Energiewende gelingen. Gerade arbeiten Forscher und Unternehmen auch mit "Second Generation Biofuels" wie Getreideresten oder Klärschlamm.

Sie wollen wegkommen von Nahrungsmitteln wie Mais und Raps. In den letzten Jahren waren das gängige Biobrennstoffe. Äcker, auf denen Lebensmittel wuchsen, wurden immer wieder zum Anbau der Biobrennstoffe herangezogen. Dieses Problem gibt es mit den Brennstoffen der zweiten Generation nicht. Holz oder Schlamm isst keiner.

In Zehn-Sekunden-Abständen rollen Holzpellets in Müllers Anlage. Das Geräusch klingt, als ob jemand eine Spraydose schüttelt. Wirbelschichtverbrennung heißt das Verfahren, das er auch im Audio links erklärt.

Müller kann geschäftig erzählen von Anbackungen und Verschlackungen, Verstromung, Dauerlaufverhalten und "niedrigen" Verbrennungstemperaturen von 800 Grad. Was ihm zu schaffen macht: Innerhalb seines Forschungszweigs herrscht viel Konkurrenz.

"Gerade spielen alle mit Biomasse rum", sagt er mit dem verärgerten Unterton eines Milchbauern, der seine Subventionen mit zu vielen Hochleistungsbetrieben teilen muss. Deswegen verbringt er auch viel Zeit am Schreibtisch – um Fördergeldanträge zu schreiben.

Diese Geschichte ist im Rahmen des Grundkurses für Volontäre der Nürnberger Nachrichten entstanden.
  • Texte: Daniel Voigt (über Bertram Schultze), Michael Enderlein (über Harald Dix), Micha Schneider (über Carolin Waldmann), Marina Wildner (über Christian Keimel), Anne-Kathrin Cichon (über Thomas Riese), Daniel Hertwig (über Jürgen Kunz), Julia Ruhnau (über Dominik Müller)
  • Fotos: Michael Matejka, Maximilian Böttcher, Daniel Hertwig, NN-Archiv
  • Videos: Tobias Klink