SamSon

Fast schon ein Ritter

Schwertkampf: Promibesuch aus Schweden

Das sind Sebastian Linstädt und Ingulf Kohlweiss. Wir haben ihnen im Juli von ihrem Swordtrip, ihrem Roadtrip mit Schwert berichtet.

Jetzt sind sie schon lange wieder daheim, der alte VW Bus darf sich von den Strapazen auskurieren - die Schonfrist für Sebastian, links im Bild, ist aber vorbei. Denn der NZ-Kollege, fanden wir, könnte uns doch noch ein wenig mehr erzählen, von Schwertern und Kämpfen und der Historie und was sonst noch alles damit zu tun hat.

Das hat er auch gemacht. Im Schlepptau seiner Geschichte ist diesmal nicht Kohlweiss, sondern der Schwede Axel Petterson. Der ist so etwas wie der Cristiano Ronaldo der Szene. Und machte auf seiner Schwert-Wanderschaft durch Österreich und Deutschland Station in Nürnberg. Erst führte ihn Sebastian durchs Franken der Rittersleut'. Dann leitete der Schwertkampfkünstler in der Nürnberger Fechtschule Schwert und Bogen einen Workshop.

Erinnern Sie sich noch an die beiden?

Aber der Reihe nach...

Das Mutterschiff steht im Halteverbot vor dem Südausgang des Hauptbahnhofs.

In meinem Kopf wirbeln Gedanken durcheinander. Wie wird das Zusammentreffen mit einer lebenden Legende der HEMA-Szene ablaufen? Was, wenn sein Ego nicht in meinen VW LT passt?

Die Türen zur Vorhalle schwingen auf und ein sonnengebräunter, breitschultriger Wandersmann in Hemd und kurzer Hose blickt sich um. Sofort hat er das Oldtimer-Wohnmobil erspäht. "Ist das das Mutterschiff, in dem Ingulf und du auf Tour waren?", fragt Axel auf Englisch und grinst anerkennend.

Sein Händedruck ist fest, der Blick klar, das Lächeln echt - von Großkotz keine Spur.

Willkommen in Nürnberg!

Schnell entschließen wir uns bei den sommerlichen Temperaturen zu einer Tour durchs Franken der Fechtmeister. Knarzend öffnet sich die Türe zum Heilsbronner Münster. Beeindruckt stehen wir vor den Fürstengräbern.

Die Epitaphie zu Ehren von Eybs ist da schon etwas bescheidener. In sich gekehrt, steht der Schwertfechter aus Skandinavien in stiller Andacht vor dem Grabmal. Dann lächelt er und flüstert: "Schau, sein Wappen: drei Jakobsmuscheln."

Von Eyb ist in vollem Ornat abgebildet, die Sporen an den Stiefeln - sie identifizieren ihn als Ritter, also Teil der adeligen Oberschicht -  fehlen ebensowenig wie spannende Details an der Rüstung.

"Hier, der Schwertknauf ist ebenfalls eine Muschel!"

Wir tauschen uns leise über die adelige Sitte aus, mindestens einmal im Leben auf Pilgerfahrt zu gehen, und reden über die mögliche Verbindung zum Wappen der Familie.

Ludwig von Eyb der Jüngere (1450 -1521)
  • war nicht nur ein militärischer Befehlshaber im Landshuter Erbfolgekrieg, sondern verfasste um 1500 auch ein Kriegsbuch, in dem Waffen und Ausrüstung seiner Zeit sowie Belagerungsgerät und dessen Einsatz beschrieben wurde. Grund genug für den schwedischen Gast, ihm einen Besuch abzustatten.

Zurück in der Sonne fragt Axel mich über unsere Trainingsansätze. Arbeiten wir viel mit den historischen Quellen? Die Quellen sind der Ursprung der Fechtkunst, wie sie auch heute wieder trainiert wird. Anleitungen aus einer längst vergangenen Zeit, oft kryptisch in ihrer Bedeutung und stets auslegungsbedürftig.

Es war in Nürnberg, wo Kaiser Friedrich III. der ersten abendländischen Fechtergilde, den sogenannten Marxbrüdern (sie leiten sich vom Heiligen Markus, dem Patron der Fechter ab), 1487 einen Privilegiumsbrief ausstellte. Darin gestattete der Kaiser der Gilde unter anderem die Durchführung öffentlicher Lehrveranstaltungen - sogenannter "Fechtschulen".

Die Noris war also nicht nur ein bedeutender Produktionsstandort für Waffen und Rüstungen, sondern spielte auch eine entscheidende Rolle in der Wandlung vom Schwertfechten als Kriegsausbildung der Ritterschaft und Prädikat des Adels hin zu einer Beschäftigung der städtischen Oberschicht der frühen Neuzeit.

Die Fechtschulen waren für Zeitgenossen des 15./16 Jahrhunderts vergleichbar attraktiv wie heute die Bundesliga. Verschiedene Gilden und Zünfte aus unterschiedlichen Städten entsandten Fechter, die hier gegeneinander antraten und ihr Können zeigten. Es wurde musiziert, gewettet, gefochten und gesoffen. Axels Augen leuchten.

"Wäre doch toll, das wieder ins Leben zu rufen."

Die Festung Lichtenau, der Pfahl Nürnbergs im Fleisch der Ansbacher Markgrafen, liegt still und friedlich da. Die Sonne steht schon tief, als wir das Mutterschiff einen Steinwurf weit von der immer noch beeindruckenden Festungsmauer abstellen. Das heute innerhalb der Mauern angesiedelte Archiv hat längst geschlossen, also umwandern wir die überschaubare Anlage, die nach dem Anschluss Frankens an Bayern zunächst als Zuchthaus diente.

Wir kommen zwangsläufig auf Johannes Liechtenauer zu sprechen. Liechtenauer ist so etwas wie der Gral der Deutschen Langschwertschule. Ein mystischer Lehrmeister, dessen Lebensdaten - er lebte wohl in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts - nicht gesichert sind und von dem selbst keine schriftlichen Zeugnisse existieren.

Dennoch verweisen zahllose Handschriften aus mehreren Jahrhunderten einstimmig auf ihn als denjenigen, der zuerst Maß und Ordnung ins Langschwertfechten brachte: Es gab keinen, dessen Kunst größer war, urteilen alle frühen Schriften einig. Die Vorstellung, dass Lichtenauer Franke war und die Festungsstadt seine Heimat, ist so abwegig nicht.

Im Biergarten sprechen wir über das, was uns verbindet: HEMA, die Szene, den Respekt untereinander, Probleme mit der Schutzausrüstung, die bemerkenswerte Rolle der Frauen, die Erfahrungen meines Swordtrips mit Ingulf und die Pilgerreise, die Axel hinter sich hat: zu Fuß durch die Alpen, draußen schlafen unter den Sternen.

"Nur ein Schwert habe ich lieber nicht eingepackt",

lacht der Schwede.

HEMA
  • steht für "historical european martial arts", also historische Kampfkünste, die in Europa vom 13. bis zum 17. Jahrhundert verbreitet waren.

Der nächste Morgen. Eilig hasten wir in Richtung Germanisches Nationalmuseum. Wir haben um 10 Uhr eine Verabredung mit einem ganz besonderen Schatz, der am Gewerbemuseumsplatz ruht: das Hausbuch mit der Signatur "Cod. MS 3227 a", früher einem Pfaffen namens Hanko Döbringer zugeschrieben.

Es geht möglicherweise auf das Jahr 1389 zurück und ist damit die wohl älteste Quelle, die sich mit dem Langen Schwert Deutscher Schule befasst. Gemeinsam mit Ina Schönwald, Stadtarchivarin von Lauf und selbst HEMA-Fechterin, betreten wir den Lesesaal der Bibliothek, wo das uralte Buch schon auf uns wartet. Andächtig nimmt Pettersson das Schriftstück in Augenschein.

"Ein Hausbuch war ein Kompendium eines wohlhabenden Bürgers, in dem zusammengetragen wurde, was ihm nützlich erschien."

Ina Schönwald

Im "3227 a" finden sich neben einer ausführlichen Beschreibung zum Fechten mit dem Langen Schwert auch Passagen zum Härten von Eisen, ein Kalender, merkwürdige alchemistische Formeln und ein Kapitel über Pferdeheilmittel.

Das Kapitel zum Langen Schwert listet zunächst eine Reihe Merkverse auf. Diese werden Liechtenauer auf eine Art und Weise direkt zugeschrieben, die die Spekulation ermöglicht, der mythische Fechtmeister sei zur Entstehungszeit des Buches noch am Leben gewesen.

Angeregt und heisern flüsternd diskutieren wir so lange verschiedene Theorien, bis das Bibliothekspersonal uns freundlich zur Ruhe mahnt. Wir sind nicht die ersten Fechter, die begeistert den berühmten Codex begutachten - im Internet existieren Transkriptionen in modernes Deutsch und Englisch. Die beschriebenen Techniken funktionieren damals wie heute exzellent.

Davon können sich abends ab 18 Uhr in der Nürnberger Südstadt eine ganze Reihe Personen überzeugen. Rund 20 HEMA-Fechter aus Nürnberg und Umgebung sind der Einladung von Schwert und Bogen zum Workshop mit Axel gefolgt. Der fackelt nicht lange und legt los: "Wer alles hier kennt das Problem mit den Doppeltreffern?" Haufenweise Hände gehen in die Höhe.

Doppeltreffer passieren im Zweikampf immer wieder, relativ unabhängig von der Qualität der Fechter, bis hinauf in die prominent besetzten Wettbewerbe des Szene. Sie zu vermeiden ist etwas, was aus nachvollziehbaren Motiven schon die Vorväter umtrieb. Ein Patentrezept gibt es nicht - doch Vermeidungsstrategien durchaus.

So hat Pettersson einige Übungen zu Timing und Distanz im Gepäck, die in den nächsten zwei Stunden bei schweißtreibenden Temperaturen in der Halle der Holzgartenschule ausprobiert werden. Erst ohne Schutzausrüstung, dann mit zunehmender Komplexität in Fechtmaske und Handschuhen.

Axel geht herum, seine blauen Argusaugen bemerken auch kleinere Fehler in der Beinarbeit. Er korrigiert freundlich, aber bestimmt. Gibt auch Neu-Einsteigern die Möglichkeit, die Übungen zu begreifen.

"Ich arbeite gern mit Bewegungsabläufen, die die Fechter individuell schwieriger machen können, indem sie das Tempo steigern oder aus einer laufenden Bewegung heraus agieren."

Axel Pettersson

Wie die Bewegungsabläufe aussehen? Wir zeigen es im Video:

Bei einem Bier klingen

zwei anstrengende Tage aus.

"Was hat dich zu HEMA gebracht?", will Axel von Andreas Fuchs wissen, der in Nürnberg seit fast zehn Jahren mit einer eigenen Schule trainiert. Wer wie Fuchs im Schatten der Burg Hohenstein aufwuchs, träumt schon als Kind davon, ein Ritter zu sein. Heute sind es vor allem die Konflikte im Inneren, die den Schwerttrainer interessieren: "Wie gehe ich damit um, dass mein Können, meine Kraft manchmal nicht reicht, den Partner zu schlagen?"

Axel nickt. Berichtet uneitel davon, wie andererseits der Druck wächst, wenn man, wie er, immer wieder internationale Turniere gewinnt. Und von seinen Anfängen, 2002, in seiner nordschwedischen Heimat Falun: "Ich war so etwas wie das nervige Kind, das unbedingt Schwertkampf machen wollte, und zwei erfahrene Fechter so lange darum gebettelt hat, bis es mittrainieren durfte."

Tags drauf bringe ich Axel zum Bahnhof, er wird in Ausgburg schon sehnsüchtig erwartet. Mir schmerzt der Kopf, die Nacht war kurz. Lang haben wir über den Austausch gesprochen und wie wichtig es ist, immer wieder mit anderen Fechtern zu trainieren und zu kämpfen. Zum Abschied bekommt der Schwede von mir eine Jakobsmuschel in die Hand gedrückt.

"Komm gut heim von Deiner Pilgerfahrt!"

SamSon: Schwertkampf..Sebastian Linstädt trainiert dort mit dem "schwedischen Yoda" Axel Pettersson (weißes T-Shirt)..Foto: (c) RALF RÖDEL / NN

Sebastian Linstädt

NZ-Redakteur
sebastian.linstaedt@pressenetz.de

Begegnungen wie diese sind für mich auch nach 6 Jahren HEMA absolute Höhepunkte.

Ralf Rödel für SamSon

Ralf Rödel

NN-Fotograf
kontakt@samson-magazin.de

Schwertkampf ist nicht einfach kämpfen, sondern eine besondere Technik, sich zu bewegen.