Samson Titelstory

Auf in den Kampf

Es gibt Leute, die stehen auf

Stand Up Paddling.

Oder Slacklining.

Oder Kangoo Dancing.

Dann gibt es Sebastian Linstädt, 39, und Ingulf Kohlweiss, 33. Die stehen auf Schwertkampf. Und, zumindest fürs Fotoshooting, auf einem alten VW-Bus. Seit dem 24. Juni sind sie darin auf einem Swordtrip unterwegs, einem Roadtrip mit Schwertern. Zuckeln quer durch Deutschland und Österreich, treffen andere Fechter und freuen sich auf die Leute hinter den Masken.

NZ-Redakteur Linstädt, rechts, hat uns von unterwegs einen Bericht geschickt, außerdem Bilder und Videomaterial. Denn die Historische Europäische Kampfkunst klingt zwar wie Mittelalter, ist aber kein bisschen von gestern. Einen trendigen englischen Namen hat sie ja auch: Historical European Martial Arts, kurz Hema.

Sebastian wohnt in Nürnberg, Ingulf kommt aus Österreich.

Vor ein paar Jahren lernten sie sich als Fechtgegner kennen, mit freundlicher Unterstützung eines Kastens fränkischen Bieres wurden sie Kumpels und kamen unter Zuhilfenahme legaler Drogen auf die abgefahrene Idee, sich auf diesen gemeinsamen Weg zu machen.

Aus der Idee entstand tatsächlich ein Plan, und der wird gerade umgesetzt. Er besteht aus 22 Stationen, begann in Nürnberg und endet am 24. Juli in Lauf. Den Beitrag, der nun folgt, schickte uns Sebastian aus Linz.

Sonntag Nacht

Während in Paris das EM-Finale tobt, sitze ich hinterm Steuer. Mal wieder. Der Bus fährt Richtung Österreich, München liegt hinter uns. Vor uns ein Unwetter. Immer wieder durchzucken grelle Blitze den Nachthimmel, lassen die Silhouetten von der Kampenwand, dem Hochries und weiterer Gipfel bedrohlich nahe rücken.

Immer wieder spitze auch ich die Ohren: Lässt sich über das monoton laute Brummen des Sechszylinders unter mir ein ungewöhnliches Geräusch heraushören? Den neuen Keilriemen haben wir erst seit Ulm gestern Mittag drinnen - er gehört bei erstbester Gelegenheit nachgezogen.

Los geht's: Tag des Schwerts in Almoshof

Ich blicke hinüber zu meinem Kompagnon: Ingulfs Blick ist auf die Straße gerichtet, er scheint in Gedanken. Kommunikation ist im Cockpit des Mutterschiffs - wie wir unseren betagten VW LT Baujahr 85 getauft haben - während der Fahrt aufgrund der Geräuschkulisse sowieso ein Gewaltakt aus Schreien und Gestikulieren.

Ich konzentriere mich wieder auf die Straße. Eine Steigung. Was mit einem modernen Auto zur Bedeutungslosigkeit verblasst, ist in einem untermotorisierten, 31 jahre alten Wohnmobil mit fast drei Tonnen Gewicht eine echte Herausforderung. Langsam zittert die Tachonadel herunter: 80, 70, 60, zuletzt nur noch 50 Stundenkilometer.

Laut hupend zieht ein 40-Tonner an uns vorbei.

Er ist die Ausnahme - die meisten anderen Berufskraftfahrer nehmen unser Schneckentempo gelassener hin.

Kurz vor dem Chiemsee treffen uns die ersten Windböen des Gewitters. Der VW LT schlingert wie eine kleine fette Galeone über die A 8. An einer Raststätte erwerben wir ein Pickerl, beraten uns: Weiterfahren? Abwarten? Zu verlockend die Aussicht auf eine Pause in Ingulfs WG in Salzburg, unserem heutigen Stopover. Weiter geht es durch die Nacht.

Mit 75 PS und einem Bus voller Schwerter.

Es muss im Sommer letzten Jahres gewesen sein, als die Idee vom Swordtrip - also der Fechtreise im Wohnmobil quer durch Deutschland und Österreich - langsam Formen annahm. Mit Ingulf, meinem Roadbuddy, verbindet mich eine Fechter-Freundschaft, die bei einem Turnier in Wien im Herbst 2013 ihren Anfang nahm. Er wie ich sind geradezu besessen von Schwertern und dem fechterischen Umgang mit diesen Dingern.

Damit sind wir nicht allein: Überall in Europa schießen derzeit Clubs und Vereine aus dem Boden, die sich der Historischen Europäischen Kampfkunst - kurz Hema (Historical European Martial Arts) verschrieben haben. Es ist ein einziges kunterbuntes und vielstimmiges Chaos, viele Vereine widersprechen einander in der Auslegung der Quellen - also jener jahrhundertealten Fechtbücher, die das historische Fundament des modernen Sports bilden.

Die Auseinandersetzung mit diesen alten Meistern bildet einen Kern dessen, was Hema heute ausmacht - und lässt die Ausübenden immer auch ein wenig zu Geschichts-Nerds werden.

Stopp 13: Halbzeit-Event in München

Diese Szene zumindest einmal in Ausschnitten zu besuchen, mit möglichst vielen Beteiligten zu trainieren und ins Gespräch zu kommen:

Das ist die treibende Idee hinter dem Swordtrip.

Urlaub?

Sicher nicht.

Einer anstrengenden Anreise im Mobil folgt stets die Frage: Wohin kann man sich stellen? Wie nahe an den Trainingsort kommen wir heran mit unserer Ausrüstung?

Namhafte Hersteller von Hema-Ausrüstung haben uns Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt - es stapelt in drei großen Kisten im ehemaligen Nasszellenbereich des Busses. (Die aktuellen Nasszellen sind unerfreulicherweise näher an den Schlafplätzen).

Ist ein Parkplatz gefunden, wird geschleppt. Dann trainiert. Während des Trainings Foto- und Video-Material erstellt, in einzelnen Fällen ein Interview geführt. Alles fein - nur was nun damit? Der Bus verfügt weder über 220 Volt für die Laptops - noch über Internet.

Immer wieder besetzten wir also wie Piraten die Wohnungen einzelner Gastgeber und nehmen Internet und Strom unter Beschlag, laden auf, was geht.

Video: 4. Juli in der Nähe von Fehmarn an der Ostsee - Ein Tag am Meer

Die Beiträge landen auf der Homepage, dann auf Facebook. Knapp 350 Likes in drei Wochen hat die Seite eingesammelt - nicht schlecht für eine vermeintliche Randsportart, über die die meisten Medien bis heute nicht wirklich berichten wollen.

Unter den Kommentatoren der Seite sind viele Hema-Fechter - aber auch Freunde, die einfach verfolgen wollen, wann der nächste Keilriemen reißt. Ist alles aufbereitet, geht es zum nächsten Stopp. Oft wird Videomaterial während der Fahrt geschnitten, so lange die Akkus was hergeben.

Abenteuer unterwegs:

Eine Hochzeit und ein

kaputter Keilriemen.

In meiner ursprünglichen Vorstellung machen wir jeden Tag eine ausgedehnte Siesta. Im Liegestuhl, im Schatten der Markise des Mutterschiffs. Holen uns kalte Getränke aus einem funktionierenden Bordkühlschrank. Gehen abends 'was trinken. Schlafen aus. Roadtrippin', Easygoing, Urlaub eben.

"Ich geh' hinter, des Video fertigschneiden. 40 Kilometer bis Salzburg, packst du des noch?"

Ingulf blickt mich an, holt mich ins Hier und Jetzt des spärlich erleuchteten Führerhauses zurück. Eine Windbö zerrt am Mutterschiff. Grad in diesem Moment hat der Roadtrip Halbzeit, Portugal hat den EM-Titel geholt, es geht auf Mitternacht zu. Noch zwei Wochen mit wenig Schlaf, viel Stress und noch mehr Hema…

Ich nicke ihm zu. "Aber sicher."

Sebastian Linstädt

NZ-Redakteur
kontakt@samson-magazin.de

...bereut die Idee, vier Wochen Urlaub für den Swordtrip zu opfern, trotz vieler Rückschläge keine Sekunde.