Christina Merkel auf Segelreise

Die Wissenschaft setzt Segel

Meine Reise auf der Thor Heyerdahl

Es ist ein Experiment. Die Uni Erlangen-Nürnberg schickt erstmals Wissenschaftler zehn Tage lang auf einem Segelschiff über die Ostsee. Sie sollen gemeinsame Projekte entwickeln und so zu neuen Horizonten aufbrechen. NZ-Redakteurin Christina Merkel war mit an Bord und hat von Seekrankheit bis Segelsetzen alles mitgemacht.

Drei Touren - drei Routen

Auf jeder der zehntägigen Etappen sind je 15 FAU-Wissenschaftler und 15 Gäste an Bord. Christina hat auf der letzten Tour von Talinn nach Rostock angeheurt.

Tag 1, Mittwoch

Willkommen an Bord! Der Kapitän begrüßt uns im Hafen von Tallinn auf der Thor Heyerdahl. Der 50 Meter lange und sechs Meter breite Dreimast-Toppsegelschoner ist in den kommenden zehn Tagen unser Zuhause.

Wir schlafen in Zweier-, Vierer- oder Sechser-Kammern und arbeiten neun Stunden am Tag für das Schiff. Eine Kreuzfahrt wird das nicht. Dafür ein unvergessliches Abenteuer.

Video

Erlebnispädagoge Thomas Eberle von der Uni Erlangen-Nürnberg erzählt. Er begleitet Projekte auf der "Thor Heyerdahl" wissenschaftlich.

Infos über die Thor Heyerdahl
  • * 1930 in Westerbroek / Holland gebaut
  • * 1979 bis 1983 und 2007 bis 2009 in Kiel (HDW) restauriert
  • * Länge über alles: 49,83 Meter
  • * Breite: 6,52 Meter
  • * Tiefgang: 2,95 Meter
  • * Masten: Holz, Höhe 29 Meter
  • * Hauptmaschine: 400 PS Deutz-Diesel, 6 Zylinder, Baujahr 1951, maximal 410 U/min.
  • * Gesamtsegelfläche: 830 Quadratmeter
  • * 10 Gästekabinen mit Kojen für 34 Personen
  • * 4 Kajüten für Kapitän und Mannschaft
  • Wassertanks: Frischwasser 16.500 Liter; Dieseltanks: 12.500 Liter

Die erste Regel, die wir an Bord lernen: Der Daumen ist wichtiger als der kleine Finger. Deswegen müssen wir die Tampen – so nennen Seeleute die Seile – so halten, dass nur der kleine Finger zerquetscht wird, falls wir abrutschen. Ohne Daumen könnten wir nicht mehr segeln.

Tag 2, Donnerstag

Wir lernen gleich zwei neue Fremdsprachen. Jedes Segel und jedes Seil hat einen eigenen Namen. Weil die Besatzung aus mehr als zehn verschiedenen Nationen kommt, bekommen wir die deutschen und englischen Begriffe beigebracht.

Der Teil des Schiffes, auf dem Kapitän und Steuermann stehen, heißt Achterdeck und Treppen heißen Niedergänge. Hieven bedeutet ziehen und fieren locker lassen. Die Thor hat 830 Quadratmeter Gesamtsegelfläche, 15 Kilometer Tauwerk und 150 Nägel, um alles zu befestigen.

Tag 3, Freitag

Das Schiff schaukelt hoch und runter, nach links und nach rechts. Seit zwei Tagen fahren wir mit Hilfe des dröhnenden Motors gegen den Wind an. Das Wetter können selbst 30 Wissenschaftler an Bord nicht ändern.

Ich habe lange durchgehalten, im Video (oben) habe ich noch frohlockt. Aber jetzt hat es mich doch erwischt. Ich hänge über der Reling und "füttere Fische". Die Hälfte der Teilnehmer ist seekrank. Sogar viele Stammmannschaftsmitglieder hat es erwischt.

Es hilft zwar, zum Horizont zu schauen, aber das nützt nichts, wenn wir regelmäßig unter Deck Sicherheitsrunden drehen oder die Maschine überprüfen müssen. Die, denen es noch gut geht, schuften doppelt und versorgen die Ausgefallenen mit Gemüsebrühe und Zwieback.

Die Thor Heyerdahl
  • wurde 1930 als Frachtmotorsegler in Holland gebaut und fuhr bis 1979 unter verschiedenen Namen und Flaggen um die Welt.
  • Danach ersteigerte Kapitän Detlef Soitzek das Schiff und baute es bis 1983 mit vielen freiwilligen Helfern in ein Segelschiff um.
  • Weil er zuvor auf der Schilfbootexpedition "Tigris" des norwegischen Forschungsreisenden Thor Heyerdahl mitgefahren war, schlug er vor, das Schiff von ihm persönlich auf dessen Namen taufen zu lassen.
  • Seitdem fährt die "Thor Heyerdahl" vor allem mit Jugendgruppen an Bord in der Ost- und Nordsee und im Winter unter dem Motto "Klassenzimmer unter Segeln" zu den Kanaren, in die Karibik sowie nach Amerika.

Tag 4, Samstag

Es hat endlich aufgehört zu schaukeln. Der Kapitän hat einen Kurswechsel beschlossen, um Menschen und Maschine eine Pause zu gönnen. Wir ankern vor der schwedischen Insel Gotland. Kaum ist der Motor aus, geht es allen besser.

Einige gehen baden und endlich auch duschen, was bei Seegang und Übelkeit vorher wirklich schwierig war. Ich traue mich sogar, vom Klüverbaum, der vorne aus dem Schiff herausragt, aus sieben Metern Höhe ins Meer zu köpfern. Dank Wasserthermometer wissen wir allerdings, dass es nur 14 Grad warm ist.

Video

Christina wagt den Sprung aus sieben Metern

Tag 5, Sonntag

Mein absolutes Highlight der Reise. Wir grillen am Strand von Gotland. Vor uns in der Bucht schaukelt die Thor sanft in den Wellen. Die Backschaft hat Salate vorbereitet und mit Tellern, Besteck und Getränken in den Beibooten an Land transportiert.

Es gibt Steaks und Hähnchenschlegel. Im Lagerfeuer rösten wir Stockbrot. Die Sonne geht langsam unter.

Tag 6, Montag

Endlich! Wir setzen die Segel!

"So soll es sein", sagt der Kapitän. Jeder hat etwas zu tun und packt mit an. Teilweise hängen wir zu viert an einem Tampen, weil es trotz Flaschenzug und gekonntem Körpereinsatz so viel Kraft kostet, die Segel zu bewegen.

Unsere Wachführerin fragt, ob ich mit nach oben in die Rahen will, zu den Rundhölzern, die quer am vorderen Mast befestigt sind, um das Marssegel zu setzen. Bevor ich richtig darüber nachdenken kann, sage ich ja.

Zehn Minuten später balanciere ich in 15 Metern und lerne einen neuen Knoten, um ein Seil zu befestigen. Der Ausblick ist überwältigend. Erst als ich wieder unten bin, zittern meine Knie.

Tag 7, Dienstag

Ich steuere das Schiff.

Jeder darf einmal. Während der Wache wechselt der Rudergänger alle 30 Minuten, weil es viel Konzentration kostet, den Kurs zu halten. Außerdem wollen alle mal. Am Holz in meinen Händen kann ich spüren, wie die Wellen am Ruder rupfen. Am Bug sehe ich, wie das Schiff reagiert.

Außerdem muss ich den Kompass und die Ruderlage beobachten: Kurs 195 liegt an, Richtung Süden, Dänemark. Das Schiff fährt gerade mit fünf Knoten, das sind etwa zehn Kilometer pro Stunde. Es kommt mir viel schneller vor. Um uns herum ist nur das Meer.

An Steuerbord versinkt die Sonne, an Backbord geht der Mond auf. Jede Stunde tragen wir die Position ins Brückenbuch und auf einer Seekarte ein: 53 Grad Nord, 19 Grad Ost.

Tag 8, Mittwoch

Der Weckdienst der vorhergehenden Wache kommt wie immer um sieben Uhr morgens in die Kammer: "Es regnet, zieh dich warm an", heißt es heute. Egal bei welchem Wetter, egal um welche Uhrzeit, ein Schiff ist ein 24-Stunden-Betrieb.

In der Ferne ist schon die dänische Insel Bornholm zu sehen. Dort legen wir im Hafen an, um neuen Dieselkraftstoff und neues Frischwasser zu tanken. Die Leute bleiben am Pier stehen und beobachten, wie ein 50 Meter langes Segelschiff in eine 55 Meter lange Lücke einparkt.

So ein Tradition-Topsegelschoner macht schon etwas her. Alle zehn Sekunden ruft der Kapitän einen neuen Befehl: "Ruder hart steuerbord, Maschine halbe vorraus, voll puschen backbord." Das Beiboot hilft, das Schiff in die richtige Position zu drücken.

Tag 9, Donnerstag

Sogar die Wochentage haben auf einem Schiff andere Namen: Donnerstag ist Semannssonntag. Es gibt etwas Besonders zu essen, um die Crew bei Laune zu halten. Dieser Brauch ist schon mehrere hundert Jahre alt.

Zum Frühstück bekommen wir deshalb frische Semmeln und Zimtschnecken vom Bäcker. Dazu wie immer Obstsalat, Joghurt, Müsli, Wurst, Käse und Marmelade. Jeden Tag kümmern sich vier andere Leute als "Backschaft" um die Verpflegung der 50-köpfigen Besatzung. Ihre Schicht beginnt um 6 Uhr morgens und endet nach 21 Uhr, wenn der letzte Teller abgespült ist.

Je nach Appetit, Können und vorhandenen Zutaten reicht das Angebot von Nudeln mit Tomatensoße bis zu Rumpsteak mit Ofengemüse beim Captain's Dinner am Abschluss-Abend.

Und gesungen wird auch:

Tag 10, Freitag

Ein Feuerwehrschiff kommt uns entgegen und begrüßt uns mit einer Wasserfontäne im Hafen von Warnemünde. Am Pier stehen Menschen und winken. Es ist "Hanse Sail" in der Stadt, eines der größten Treffen von traditionellen Segelschiffen des Landes.

Wir sind an Bord der Thor mit dabei. Wir hupen, wenn uns ein Schiff entgegen kommt und sie hupen zurück. Es ist ein Spektakel – das auch das Ende unserer Reise bedeutet.

Manche sind froh darüber, andere traurig. Wir haben am Morgen alle Segel "hafenfein" gepackt, um einen guten Eindruck zu machen und das Schiff noch einmal von oben bis unten geputzt.

Am Ende bekommen wir ein Zertifikat: 652 Seemeilen waren wir unterwegs, das sind mehr als 1200 Kilometer.

Trotz Müdigkeit, Muskelkater, Sonnenbrand, blauen Flecken und einer aufgeschlagenen Lippe

bin ich unglaublich glücklich.

SamSon: Christina Merkel

Christina Merkel

NZ-Redakteurin
kontakt@samson-magazin.de

...fand es ziemlich schwierig, auf einem schaukelnden Schiff gerade Fotos zu machen.