Schwertkampf-Turnier

Schach mit Stahl

Morgens um halb zehn

Die Turnhalle der Max-Beckmann-Grundschule in Nürnberg Worzeldorf füllt sich nach und nach. Eine ganze Menge Menschen mit schwarzen Kapuzenpullis springen herum, auf dem Rücken ist ein Logo mit Schwert und Bogen abgebildet. Die gleichnamige Kampfkunstschule mit Sitz in Nürnberg und Lauf lädt seit Jahren im Frühjahr traditionell zum Dürer-Turnier im Langen Schwert.

Thorsten und Marco von Krifon aus Heidelberg sind da. Sascha und einige seiner Schwertbrüder von Sieben Schwerter in Stuttgart. In ihren weißen Fechtjacken bilden sie Lichtpunkte in einem überwiegenden Meer von Schwarz der Schwert-und-Bogen-Truppe, die fast 20 Wettkämpfer ins Rennen schickt. Daniel vom Fechtboden in Aurich hat die weiteste Anreise. Michael Kühnel aus Salzburg hält die Standarte von Indes hoch, einem großen österreichischen Verein. "Hema" (Historical European martial arts) macht nicht halt vor Landesgrenzen.

Kurz nach zehn

Mit leicht flauem Magen stehe ich vor der Kampffläche, meine Hände stecken in den Krabben - wie wir die massiven Schutzhandschuhe nennen. Ein gebrochener Ringfinger im Juli 2015 war genug. In der linken die Fechtmaske, in der rechten die Fechtfeder warte ich auf den ersten Schlagabtausch des Tages. Es werden in der Vorrunde noch zwei weitere folgen. Mit Daniel hatte ich noch nie zu tun. Er wirkt nett. Und schnell. Die letzte halbe Stunde vergeht ein wenig wie in Trance.

Andreas, der Chef von Schwert und Bogen und mein Trainer seit über sechs Jahren, hat in der Runde die Freunde willkommen geheißen und die Regeln erklärt. Die Ausrüstung wurde gecheckt. Ist die Fechtfeder zu hart, also biegt sie sich nicht genug durch, wird sie nicht zugelassen.

Selbiges gilt für die Schutzausrüstung:

Wer eine gewisse Stichfestigkeit nicht erreicht, muss zuschauen. Die Turnierwaffen - späte Ausgaben von Trainingsgeräten, wie sie seit der Renaissance im Einsatz sind - sind weder scharf noch spitz. Aber sie können scharfkantig abbrechen. Das oberste Ziel eines ernsthaften Turnierkämpfers? Ein Turnier ohne Verletzungen.

"Stellung - fertig - los!"

Die Fechtmaske sitzt mittlerweile auf dem Kopf, beide Hände umfassen den Stahl der Feder. Durch das Gitter meiner Fechtmaske verfolge ich, wie Daniel sich in Bewegung setzt. Er kommt mit einer soliden Deckung aus dem "Pflug" direkt auf mich rein. Keine Lust zu warten. Keine Zeit mehr zum Denken. Reflexartig hebe ich meinen Ort - also die Schwertspitze - in Richtung seiner Maske, halte ihn damit auf Abstand. Erst eimal sehen, wie schnell er auf den Beinen ist.

Doch Daniel mag nicht warten, kommt klar mit einem rechten Oberhau heran. Die Parade passiert im Reflex, ebenso der verzuckte Nachschlag von mir in die eben entstandene Blöße zu seiner Rechten. Doch der Auricher ist fix, hat die Reichweite schon verlassen.

Drängt im nächsten Moment von links heran. Klirrend schlägt Stahl auf Stahl. Die Bindung der Schwerter ist stark. Einen Moment zu lange zögere ich, da hat sich das Nordlicht aus dem Band gelöst und fährt mir sauber über den linken Oberschenkel. Erster Treffer für den Fechtboden.

Schwertkampf-Turnier



Martialische Kultur

Langschwertturniere wie das Dürer-Turnier in Nürnberg sind die versportlichte Variante einer einst äußerst martialischen Kultur: Im Bloßfechten ging es (wie der Name schon sagt) um Gefechte ohne nennenswerte Schutzausrüstung - bis zum ersten Blut. Oder auch auf Leben und Tod.

Das einzige, was zwischen dem Fechter und der gegnerischen Klinge stand und steht, ist das eigene Schwert. Hier entfaltet die "edelste Waffe" ihre größtes Potential. Nicht auf den Schlachtfeldern, wo gegen schwer gerüstete Gegner viel simplere, stumpfe Schlagwaffen wie Kriegskeulen oder spitze Piken und Spieße Trumpf waren.

Die Fechtbücher, die seit dem Hochmittelalter geschrieben und abgeschrieben wurden hingegen befassen sich neben dem Zweikampf im Harnisch (er wurde mit Spieß, Schwert und Dolch ausgetragen) eben schwerpunktmäßig mit Schwerttechniken, denen zunächst eines gemein ist:

Das eigene Leben zu schützen.

Für Schreckhafte ist Schwertkampf nichts, wie schon Fechtmeister Talhoffer wusste: "Erschrickst Du gern, kein Fechten lern", erklärte dieser spätmittelalterliche "Schwertguru" in einer seiner Schriften. Er wusste, wovon er schrieb: Talhoffer bildete nicht nur den süddeutschen Adel im Langschwertfechten aus, sondern ging als Schwertmeister einiger hochgeborener Söhne auch in die Schranken und focht an deren Stelle - eben auf Leben und Tod.

"Das Gefecht endet 8 zu 10 Punkten. Grüßt Euch!" Schnaufend ziehe ich mir die schweißnasse Fechtmaske vom Kopf. Endlich wieder frei atmen. Daniel grinst mich etwas unsicher an. Er hat mich - und damit die Gastgeber - gerade geschlagen.

Ich gehe auf ihn zu und umarme ihn, bedanke mich für ein schönes und faires Gefecht. Es wird nicht das letzte bleiben an diesem Tag. Da gilt es mit den Kräften haushalten. Mein nächster Gegner Marc ist nicht mal halb so alt wie ich...

VIDEO

Andreas Fuchs ist Gründer, Leiter und Lehrer der Kampfkunstschule Schwert und Bogen. "Dein Herz ist frei! Hab den Mut ihm zu folgen!", lautet sein Leitspruch. Im Video erklärt er nicht nur einzelne Techniken, sondern auch die Philosophie, die mit dem Schwertkampf verbunden ist.

Gesprächsrunde in Almoshof
  • Im Rahmen der Reihe HappyKunstHour im Schloss Almoshof stellen Andreas Fuchs und Sebastian Linstädt die hohe Kunst des Schwertkampfes vor.
  • Die Veranstaltung beginnt am Donnerstag, 20. April, um 17.30 Uhr.
Absonderliche Vorstellungen

Wer Schwertkampf ernsthaft trainiert, wird immer wieder mit den aus Hollywood genährten Mythen konfrontiert. Von 15 Kilo schweren Schwertern, die Wuchtwaffen gewesen sein sollen und durch die stählernen Harnische schnitten, ist da die Rede. Demzufolge existieren oft absonderliche Vorstellungen davon, wie so ein Schwertkampf ablief und abläuft.

Auf modernen Turnieren sind Zuschauer dann oft fast enttäuscht über das Tempo der Bewegungen. Dem Konzept folgend, dass das eigene Schwert zunächst einmal für den Schutz des eigenen Leibes zuständig ist, wird man kaum einmal wagemutige Ausfallbewegungen sehen, wie sie beim modernen Sportfechten zum Repertoire gehören.

Vielmehr belauern sich die Kämpfer in Huten - also Positionen, die Schutz bieten (behüten), aus denen sich aber auch übergangslos Angriffe starten lassen.

Schwertkampf ist Schach mit Stahl:

Welche Blöße - also ungedeckte Stelle - will ich haben? Was muss ich tun, damit mein Gegenüber mir diese offenbart? Was kann ich aus den Bewegungen des Gegenübers herauslesen, was aus dem Band - also dem Klingenkontakt - das er mir gibt?

Die Stars der Hema-Szene haben das "Fühlen", das bei den alten Meistern einen wichtigen Stellenwert einnimmt, bei sich in Fleisch und Blut übergehen lassen. Sie spüren schon anhand eines kurzen Klingenkontakts, was das Gegenüber als nächstes voraussichtlich plant.

Statussymbol

Die Entwürfe alter Schwerter zeigen uns heute, dass die Kunst des Fühlens sich entwickeln konnte, weil auch die Schmiede es verstanden, “fühligen” Stahl zu schmieden. Ein 15-Kilo-Prügel? Die Langen Schwerter Deutscher Schule waren alles andere als das: Sie waren exakt ausgewogene und rasiermesserscharfe Tötungswerkzeuge. Und gleichzeitig Statussymbol. Ein Ferrari zum An-den-Gürtel-hängen.

Im Training nehmen die alten Fechthandschriften im Umgang mit diesen mythischen Gegenständen großen Raum ein. Lapidar gesagt: Auch einen Mittelalter-Ferrari muss man fahren können, seine Kraft beherrschen. Sonst gefährdet man vor allem sich selbst.

Die Stücke, wie die einzelnen Fechttechniken heißen, sind aus verschiedenen Paraden, Häuen und Stichen zusammengesetzt, deren Aneinanderreihung das Gegenüber unter Zugzwang setzen soll - und Flächen für einen eigenen gefahrlosen Angriff öffnen.

Auf viele dieser Stücke gibt es so genannte Brüche - also Gegentechniken, die zum Einsatz kommen. Ebenso wichtig: Die Beinarbeit und das Distanzgefühl der Fechter. Bringe ich mich nicht rechtzeitig in oder außer Reichweite, bin ich in Gefahr. Unterschätze ich die Reichweite meines Gegenübers - ebenso.

An einem führt allerdings kein Weg vorbei - damals wie heute: All das Erlernte im Freigefechte zu erproben - unter möglichst realen Bedingungen.

Mit einem routinierten Griff ziehe ich mir die verschwitzte Fechtmaske ins Gesicht. Es ist das 17. Gefecht an diesem Samstag. Thorsten grüßt grinsend vom anderen Ende der Kampffläche, er strahlt die geballte Energie des vielfachen Turniersiegers aus.

Keine 20 Sekunden später schlägt der erste Treffer durch meine zu schwache Deckung links oben in meine Maske ein. Vor 500 Jahren das sichere Ende meines Lebens. Heute die ersten zwei Wunden in einem Gefecht, in dem ich mich erneut 8 zu 10 geschlagen geben muss.

Um wenig später als Drittplatzierter neben meinem Freund Thorsten sowie Marco aus Heidelberg und Simon aus Roth auf dem Siegerpodest zu stehen. Alle 27 Teilnehmer am 6. Dürerturnier sind unverletzt.

Was will man mehr?

RESSORT: Online / SamSon / Sport..DATUM: 25.03.17..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Schwertkampf-Turnier in der Turnhalle Max-Beckmann-Grundschule..ANZAHL: 1 von 36..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung

Sebastian Linstädt

NZ-Redakteur
kontakt@samson-magazin.de

...schwingt neben der Schreib- seit über sechs Jahren auch die Fechtfeder.

Michael Matejka für SamSon

Michael Matejka

NN-Fotograf
kontakt@samson-magazin.de

...kann eher was mit Pfeil und Bogen anfangen.

SamSon: Nathanael Meyer

Nathanael Meyer

Video
kontakt@samson-magazin.de

...findet, als Herr-der-Ringe- und Game-of-Thrones-Fan ist das ein super Sport.