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Lebensinhalt: Fußball

Luca und Leon leben im Haus der Athleten an der Dutzendteichstraße

Mit dem Rücken zur Tür sitzt Luca Ziegler im Frühstücksraum an der Tafel. Alleine. Es ist kurz nach sieben Uhr am Morgen, ein Dienstag. "Feurige Leidenschaft" steht auf einem orangefarbenen Poster, das an der Wand hängt. Der 16-Jährige beißt in ein Nutella-Brötchen, vor sich auf dem Tisch ein Glas Orangensaft. Draußen dämmert es noch. Vor rund einer Woche hat das neue Schuljahr begonnen. Das bedeutet für ihn und die anderen Jungs, dass sie nun noch mehr Disziplin brauchen, um ihren Alltag zu bewältigen. Die "anderen Jungs", das sind neben Luca noch 13 weitere junge Talente, die in der U15- bis U17-Jugend des 1. FC Nürnberg spielen und gemeinsam im Sankt Paul "Haus der Athleten" in der Dutzendteichstraße wohnen.

Luca, der Linksaußen, will Profifußballer werden. Dafür ließ er vor zwei Jahren sein altes Leben hinter sich und zog ins "Haus der Athleten". Hier hilft ihm eine feste Tagesstruktur dabei, Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Vom Aufstehen um 7 Uhr bis zum Schlafengehen um 21 Uhr ist sein Tagesablauf straff durchorganisiert. "Richtige" Ferien kennt Luca nur von früher. Bevor er sich für den Leistungssport entschied. Denn auch zur Ferienzeit steht zweimal täglich hartes Training auf dem Programm. Samstags dann meist ein Spiel und sonntags lockeres Auslaufen.

Luca gehört zur U17 des 1. FC Nürnberg, die in der Junioren-Bundesliga um Punkte kämpft. Genauso wie sein Kumpel Leon Krapf, ebenfalls 16 Jahre alt, der sich zu ihm gesellt, als Luca schon fast fertig ist mit dem Frühstücken. Auch Leon schenkt sich Orangensaft ein. Dazu gönnt er sich ein Kürbiskernbrötchen mit Wurst sowie eine Butterbreze. Was der Ernährungsplan eben so hergibt. Denn im "Haus der Athleten" wird großer Wert auf sportspezifisches Essen gelegt, alles wird dokumentiert. Im Gegensatz zu Luca ist Leon erst seit Kurzem hier, findet sich aber schon gut zurecht. Kurz plaudern die beiden über die Jahreshauptversammlung der FCN-Mitglieder, die am Abend ansteht. Wenn der Tag sie nicht zu sehr schlaucht, wollen sie auf einen Sprung hin.

Mit der Leidenschaft eines Verliebten

Die Gedanken sind an diesem Dienstagmorgen aber nicht bei der Abendplanung oder beim nächsten Schultag. Nein, Leons Fokus liegt auf dem sechsten Spieltag, dem nächsten Gegner SSV Ulm. Auf einem Punktspiel, das am kommenden Samstag ist. Die Augen des Torhüters strahlen mit der Leidenschaft eines Verliebten, als er nach dem Frühstück im Treppenhaus vom 3:0-Erfolg seiner Mannschaft am vergangenen Wochenende erzählt. Fußball bedeutet alles, da wird auch die Schule scheinbar zweitrangig. Vielleicht wirkt das aber nur so, weil die Saison bereits in vollem Gange ist und das Schuljahr ja erst begonnen hat.

"Druck aufzubauen ist nicht nötig"

Anders als die meisten ihrer Altersgenossen scheren sich Leon und Luca wenig um Partys oder Mädchen. "Ich habe die Zeit dazu gar nicht", sagt Luca. "Man ist nach so einem anstrengenden Tag abends relativ müde und weiß, dass der nächste genauso anstrengend wird." Die Motivation bei den Nachwuchskickern ist riesig, die Disziplin eisern. "Druck aufzubauen ist nicht nötig", erklärt Thomas Heinze, der pädagogische Leiter des Internats. Er achtet darauf, dass bei aller Passion für den Sport bei den Jungs die Schule nicht zu kurz kommt. Sonst hätten die nämlich bald "nur noch Bälle im Kopf", sagt der Pädagoge schmunzelnd.

Wenn es für Leon so etwas wie ein Vorbild gibt, ist das Manuel Neuer. Zumindest dessen Spielweise, sagt Leon. "Aber ich liebe einfach den Fußball." Liebe kennt keine Grenzen, heißt es landläufig. Oder etwa doch? Der doppelte Leistungsdruck jedenfalls bringt die Internatsbewohner sehr wohl regelmäßig ans Limit des Schaffbaren. Und das nicht nur körperlich. Auch mental ist die Kraft nicht unerschöpflich. "Je mehr sich jemand in seiner Disziplin nach oben entwickelt, desto mehr Zeit muss er für seinen Sport aufbringen", erklärt Heinze. "Nachdem auch bei den Jugendlichen die Tage nur 24 Stunden haben, muss ich versuchen, die Wege zu verkürzen", so Heinze. Dies sei mit dem Sankt Paul "Haus der Athleten" in "wunderbarer Form" möglich.

"Ich liebe einfach den Fußball." (Leon Krapf)

Audio-Slideshow: Trainer Michael Wimmer erzählt

Michael Wimmer
  • ist seit fünf Jahren Trainer beim Club, seit Oktober 2013 trainiert er die U17. In einer Multimediareportage gibt er Einblick in seinen Job.

In drei Minuten zum Trainingsgelände

Leon und Luca brechen morgens um 7.45 Uhr auf

Die Internatsschüler des 1. FC Nürnberg besuchen allesamt die Berthold-Brecht-Schule in Langwasser, die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als "Eliteschule des Fußballs" ausgezeichnet wurde. Mit dem Bus brauchen sie vom Internat in die Schule zehn Minuten. Das Trainingsgelände am Valznerweiher erreichen die Jugendlichen in nur drei Minuten. "Dadurch lässt sich ein hoher Trainingsaufwand an einem Tag genauso gut bewältigen wie die schulische Vorbereitung", sagt Heinze. Es reicht also, wenn die Jungs etwa um 7.45 Uhr in die Schule aufbrechen. Um 16.15 Uhr kehren sie dann normalerweise zurück. Tag für Tag. Dreimal pro Woche beginnt auch die Schule mit, genau: Fußball-Training. 60-Stunden-Wochen sind für die Kicker keine Seltenheit.

Luca Ziegler besucht die 10. Klasse, Leon Krapf geht in die 11. "Luca ist ein absoluter Vorzeigeschüler", sagt Schulleiter Harald Schmidt. "Leon kommt in den Genuss, ein Schüler mit Schulzeitstreckung zu sein." Schulzeitstreckung bedeutet, dass Leon die Oberstufe in drei statt in zwei Jahren absolvieren kann. Eine Sonderregel, die dann greift, wenn junge Talente wie Leon zum erweiterten U-17-Kader des DFB gehören und daher besonders gefördert werden. "Anders wäre der Spagat zwischen Schule und Leistungssport nicht zu schaffen", so Schmidt.

Höflich, zuvorkommend und zuverlässig

"Natürlich bringt man große Opfer, vor allem in der Freizeit", sagt Luca, dessen Idol Holger Badstuber ist. "Wenn man merkt, dass andere vielleicht mal in den Urlaub fahren, gerade in den Ferien, und wir auf dem Trainingsplatz sind", erzählt er. "Aber dafür erlebt man auch wieder viele schöne Momente, gerade mit dem Fußball, wenn man zum Beispiel in andere Länder kommt und da Turniere spielen darf." Der Schulleiter charakterisiert Leon und Luca als höflich, zuvorkommend und zuverlässig. Die Entwicklung der Persönlichkeit und die Formung des Charakters sehen sowohl die Schule als auch das Internat als ihre zentrale Aufgabe an. "Was wir nicht so gerne sehen, ist, wenn die Sportler arrogant auftreten", sagt Schmidt.

"Was wir nicht so gerne sehen, ist, wenn die Sportler arrogant auftreten." (Schulleiter Harald Schmidt)

Trotz dieser Erleichterungen war das Internatsleben am Anfang eine Umstellung. "Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran", sagt Luca. Die Belastung und den Druck mindert das aber natürlich nicht. "Ich habe den Stundenplan der beiden zwar nicht im Kopf, aber ich gehe davon aus, dass mehr als 30 Stunden Unterricht pro Woche zusammenkommen", erklärt der Schulleiter. Nicht wesentlich weniger Zeit fressen das Vereinstraining oder andere Vereinsaktivitäten. Laut FCN kommen die Spieler wöchentlich auf ein Pensum von 20 bis 30 Stunden, abhängig davon, ob und wo die Mannschaft am Wochenende eine Partie bestreitet. 60-Stunden-Wochen sind für die junge Kicker demnach keine Seltenheit. Zumal die Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts noch nicht mit eingerechnet ist.

Die Nachwuchskicker leben bescheiden. Der Wohnbereich der FCN-Junioren liegt im Sankt Paul "Haus der Athleten" im zweiten Stock rechts. An den Wänden im Gang hängen riesige Poster. Opulente Bilder aus ruhmreicheren Zeiten. Da ist Raphael Schäfer, wie er 2007 in Berlin den DFB-Pokal in die Höhe reckt. Daneben ein Bild mit anderen Club-Legenden. Im Aufenthaltsraum stehen Sofas, ein Tischkicker und eine Spielkonsole. Abends zocken die Jungs hier oft. Natürlich vorrangig Fußball, wie der Internatsleiter berichtet.

Außer den 14 Plätzen, die der Club für seine Nachwuchsspieler reserviert hat, wohnen im "Haus der Athleten" 20 weitere Sportler, darunter fünf Mädchen. Sie trainieren für Badminton, Säbelfechten, Radfahren, Hockey, Ringen, Triathlon, Golf und Leichtathletik. Maximal können 38 Bewohner aufgenommen werden. Die Vorzüge liegen auf der Hand: "Man muss sich um nichts kümmern", sagt Luca Ziegler.

950 Euro pro Monat

Die Zimmer sind möbliert, doch nicht luxuriös eingerichtet, eher pragmatisch. 950 Euro kostet ein Einzelzimmer pro Monat, ein Doppelzimmer schlägt mit 850 Euro etwas weniger zu Buche. Die Kosten müssen privat getragen werden, zum Teil werden die Talente durch öffentliche Gelder gefördert. Frühstück und Abendessen sind im Preis inbegriffen, zudem steht den Jugendlichen ganzjährig und rund um die Uhr eine fachliche Betreuung zur Seite.

Gewissermaßen ist das ein Privileg. Denn lange nicht jeder Bewerber wird genommen. Die Voraussetzung vonseiten des Sankt Paul "Haus der Athleten" ist, dass die Spieler mindestens 14 Jahre alt sind. Zudem fördert das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) nur Juniorenspieler, bei denen sowohl die sportliche als auch die schulische Leistung stimmt. Und: "Selbstverständlich spielt auch die Distanz vom gebürtigen Wohnort eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung zur Aufnahme im Internat", erklärt der FCN.

Zeit zum Durchatmen bleibt für die jungen Kicker auch nach der Schule kaum. Um 17.15 Uhr müssen sich Leon und Luca am Valznerweiher einfinden, zum nächsten Training. Dort warten Trainer Michael Wimmer und ihre Teamkameraden, die größtenteils noch bei den Eltern wohnen. Wimmer hat Luca vor zwei Jahren aus Memmingen zum Club geholt. Wie Leon Krapf kommt er ursprünglich aus Schweinfurt, von wo aus der tägliche Weg zum Training nach Nürnberg nicht zu weit gewesen wäre. Ihre Familien sehen beide nur ein oder zwei Mal im Monat. Mit den alten Freunden versuchen sie Kontakt zu halten. Was nicht immer ganz leicht ist, wie Luca bekundet.

Der Coach teilt sein Team in zwei Gruppen auf. Leon und seine Gruppe müssen zunächst im Kraftraum schwitzen. Als Torwart sind seine Gruppenmitglieder heute Stürmer oder Ersatztorhüter. Nach einer halben Stunde kommt die Ablöse. Stürmer und Torhüter proben jetzt auf dem Trainingsplatz Abschlüsse. Es dämmert schon wieder. Nach weiteren 30 Minuten kommt auch die "Luca-Gruppe" aus dem Kraftraum. Auf einem anderen Trainingsplatz geht es weiter, nochmal eine halbe Stunde lang. Die Verteidiger und die Mittelfeldspieler liefern sich ein zweikampfreiches Kleinfeld-Match. Der Rest übt Flanken und Abschlüsse. Vom Seitenrand aus schauen ein paar wenige Eltern zu, wie sich ihre Sprösslinge verausgaben.

Schließlich pfeift Wimmer und entlässt seine Schützlinge für heute. Wer in der Gegend wohnt, geht nach Hause. Für die Internatsschüler gibt es jetzt Abendessen im Restaurant "Platz 12". Wieder zurück im Internat, bleibt nicht einmal mehr eine Stunde bis zur Zimmerruhe. Es ist 20 Uhr. Viel länger als bis 21 Uhr würde aber auch keiner durchhalten, denn um 7 Uhr ist die Nacht wieder zu Ende.

Zwischen eiserner Disziplin und feuriger Leidenschaft

"Daran gedacht hinzuschmeißen habe ich noch nie", sagt Leon Krapf. "Auch wenn mal eine schlechte Phase dabei ist, wenn es mal nicht so läuft, wenn man Fehler im Spiel macht oder wenn andere mal eine zeitlang besser sind; du musst einfach immer weiter machen, um das zu erreichen, was du wirklich willst." Es funktioniert erstaunlich gut, dieses gleichermaßen monotone wie abwechslungsreiche Leben für den Fußball. Dieses Leben irgendwo zwischen eiserner Disziplin und feuriger Leidenschaft, das nur einen einzigen großen Haken hat: Spätestens mit 40 ist es vorbei.

Interview mit dem pädagogischen Internatsleiter, Thomas Heinze

Thomas Heinze ist im Internat pädagogischer Leiter. Er kümmert sich um die pädagogische Umsetzung des Trägerkonzepts, die Organisation des Internatbetriebs sowie um die Kommunikation mit den verschiedenen Kooperationspartnern, also der Schule, dem Verein, mit den Eltern und um die Verwaltung.

Herr Heinze, was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders Spaß?

Heinze: Den größten Spaß bereitet es mir zu sehen, wie ein junger Mensch seine Potentiale entfalten kann und es in seiner jeweiligen Disziplin nach vorne bringt, schulisch wie auch sportlich. Was kann schöner sein, als beim Erfolg eines anderen zuzuschauen, wenn man ihn fördert?

Wie kommen die Sportler mit der Doppelbelastung aus Schule und Leistungssport klar? Beschreiben Sie doch bitte mal das Leben hier im Internat.

Dazu muss man zunächst mal sagen: Sie sind durch die Bank sehr diszipliniert. Es gibt eigentlich keine Ausreißer. Dass man hier jetzt Schwierigkeiten damit hätte, dass Jugendliche mit Alkohol experimentieren, also zu viel trinken oder Partys feiern, das gibt es im “Haus der Athleten” eigentlich nicht. Wir haben keinen einzigen Raucher unter unseren Jugendlichen, das ist auch kein Thema. Die Tagesstrukturen werden eingehalten. Wenn um 22 Uhr die Nachtruhe beginnt, dann geht es vielleicht noch fünf oder zehn Minuten länger, aber dann sind die wirklich in den Federn. Ich denke, dass viel daran hängt, dass die Jugendlichen in einer Atmosphäre Gleichgesinnter betreut werden. Daraus ergibt sich ein Ansporn zwischen den Jungs und Mädels nach dem Motto: Was der schafft, will ich auch erreichen.

Was sind die wichtigsten Regeln, die die Jugendlichen hier im Haus beachten müssen?

Die Hauptregel ist eigentlich die, dass sie Rücksicht aufeinander nehmen und dass sie dem anderen respektvoll begegnen müssen. Denn die Freiheiten des Einzelnen enden immer dort, wo die Freiheiten des anderen beginnen. Das ist mehr oder weniger unser Credo, und darauf lassen sie sich ein. Von daher sind disziplinarische Probleme bei uns ganz selten.

Was passiert, wenn dennoch mal jemand gegen die Regeln verstößt?

Dann geht's wie im Sport: Es gibt eine Gelbe Karte und es gibt eine Rote Karte. Praktisch sieht es so aus, dass erst ein Einzelgespräch geführt wird, in dem die Situation dann einfach noch einmal beleuchtet wird. Und wenn es dann wirklich zum Regelverstoß im wiederholten Fall kommt, dann wird eine Internatsrüge ausgesprochen. Wenn das Verhalten sich dann trotzdem wiederholen sollte, kann es auch zur Entlassung kommen. Das ist den Jugendlichen soweit klar und musste nach meinem Kenntnisstand in den letzten Jahren nur einmal bis zur letzten Entscheidung durchgezogen werden.

Hätten Sie selbst gerne als Jugendlicher in solch einem Internat gewohnt?

Bei mir hat das sportliche Talent damals in keinster Weise ausgereicht, also die Frage hat sich damals gar nicht gestellt. Aus heutiger Sicht ist es schon reizvoll, an den persönlichen Bestmarken zu feilen und dann sportlich voranzukommen und Erfolge zu feiern. Man sieht das ja anhand unserer Bestenliste an unserer Wall of Fame, was hier alles an Leistungsnachweisen oder sportlichen Erfolgen eingeht im Jahr. Die andere Seite ist aber die: Wenn ich in ein Internat gehe, dann muss ich mich aus den bisherigen, liebgewonnenen sozialen Kontakten lösen. Ich habe weniger Kontakte zur Familie, zu Verwandtschaft, zu meinen Freunden. Von daher wäre ich ganz ehrlich zwiegespalten, ob ich diesen Schritt gehen würde oder nicht.

Stefan Hofer

Stefan Hofer

Text, Fotos

Mag Eis, Erdbeeren und den Club.