Windräder

Genug gedreht

Wie viele Windräder braucht Franken?

Geht der Windenergie die Luft aus?

Wer zieht schon freiwillig in die Nähe eines Atomkraftwerks? Ein oder zwei Windräder hinter dem Haus sind dagegen ein persönlicher Beitrag zur Energiewende, den die Gesellschaft von jedem abverlangen kann. Oder nicht? Wir haben uns umgehört in der Region und die Frage gestellt, wie es sich lebt mit den Energieproduzenten auf Stelzen - und ob Franken eigentlich noch mehr Windräder braucht.

1500 neue Windanlagen bis 2020 – davon träumte Markus Söder, als Fukushima plötzlich so nah war. Die Wende von der Wende kam nicht einmal drei Jahre später. Weil die Politiker da lieber über Abstandsflächen diskutieren wollten, wurden fast alle Projekte auf Eis gelegt.

Laut Bayerischem Windatlas drehen sich in Mittelfranken aktuell knapp 140 Rotoren in luftiger Höhe. In der Oberpfalz sind es 110, in ganz Bayern über 760. Das ist nicht viel, wenn man sich die Zahlen aus anderen Bundesländern anschaut: Nordrhein-Westfalen beispielsweise zählt 3017, Niedersachsen 5530 Windräder (Quelle: Agentur für Erneuerbare Energien).

Inzwischen geht dem Thema Windenergie ein bisschen die Luft aus. Klimaretter fühlen sich ausgebremst, Naturschützer missverstanden. Und die Menschen, die sich weder der einen noch der anderen Gruppe zuordnen, tun sich angesichts der vielen Argumente auf beiden Seiten schwer, eine eigene Meinung zu bilden.

Eine kleine Zitatensammlung

"Ich will die Energiewende. Ich kann nur davor warnen, sie jetzt zu zerreden. Wenn die Koalition ein so großes Projekt versemmelt, weil sie es kaputtschwätzt, dann wäre das eine Entwicklung, die für niemanden von Vorteil wäre. [...] Und die Energiewende stellt doch auch eine riesige wirtschaftspolitische Chance dar. Wir wollen keinen Sonderweg, sondern Bayern zu einer Modellregion machen. Eines muss doch klar sein: Eine Wende von der Wende wäre fatal."

Horst Seehofer im Mai 2011

"Bei Solar- und Wasserenergie sind wir schon stark, bei Wind gibt es in Bayern einen gewaltigen Nachholbedarf. [...] Wind kostet nichts und er ist eine regionale Energiequelle. Die Nachfrage in den Kommunen ist groß. [...] Zwei Prozent der Fläche Bayerns soll Vorrang für Windkraft haben."

Markus Söder im September 2011

Dafür? Dagegen? Irgendwo dazwischen?

Der Biologe Michael Altmoos sammelt Windkraft-Argumente

Michael Altmoos und seine Frau Ursula sind Naturschützer. Beruflich und privat. Wer von ihnen jedoch den großen Lobgesang über Windräder erwartet, wird enttäuscht. Denn der Referent im rheinland-pfälzischen Landesamt für Umwelt und die Biologin waren einmal Windkraft-Befürworter, sind es aber nicht mehr. Doch auch den Abgesang wird man von ihnen nicht zu hören bekommen. Dafür sind Michael und Ursula Altmoos zu sehr Wissenschaftler.

Stattdessen sammeln die beiden fortlaufend Argumente: die der Windkraft-Gegner und die der Befürworter. Und stellen beiden Seiten eine Art Mittelweg zur Verfügung, der aus ihrer Sicht helfen soll, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Mit "der Maßlosigkeit des Ausbaus an Windrädern in Rheinland-Pfalz", so Michael Altmoos, kam die gedankliche Kehrtwende für das Paar aus Staudernheim. Die beiden fingen an, das Thema Windkraft neutral zu betrachten. "Wer Windkraft kritisiert, wird leider oft falsch in die böse Ecke eines 'Energiewende'-Gegners gestellt. Das wiederum bedeutet oft das Ende differenzierter Diskussionen", sagt Michael Altmoos. Dabei ist es genau der Dialog, der den beiden wichtig ist, das Sammeln von Fakten für beide Seiten – und damit die Möglichkeit, sich selbst eine Meinung zu bilden. Wer selbst noch schwankt, findet hier vielleicht eine Antwort.

Streitpunkt: Flächenanspruch

Pro Windkraft

Nur etwa zwei Prozent der Landfläche, also sehr wenig, müssen für Windkraft nach gegenwärtigen Schätzungen maximal verbaut werden.

Contra Windkraft

Zwei Prozent klingt wenig, ist es aber nicht. Das ist mehr als alle deutschen Naturschutzgebiete zusammen. Es sind gerade wertvolle, sensible Lebensräume und die weithin wirkenden Charakterberge oder Waldlandschaften betroffen.

Michael Altmoos

Es müssen deutlich weniger Windkraftanlagen sein und diese müssen – mit weiten Freiräumen – behutsam und großräumig koordiniert und auf stark vorbelastete Standorte (z.B. an bestehende Infrastruktur) gebündelt werden.

Streitpunkt: Gesundheitsbeeinträchtigung

Pro Windkraft

Mögliche Probleme zu Schattenschlag ("Disco-Effekt") und Geräuschen sind untersucht. Durch Abstandsregelungen zu Häusern werden diese Probleme weitgehend vermieden. Bei neueren Anlagen ist die Lärmbelastung geringer als in älteren Anlagen; Grenzwerte für Lärm werden eingehalten.

Contra Windkraft

Es gibt erste Hinweise, dass Infraschall (und Lärm) bei empfindlichen Menschen die Gesundheit beeinträchtigt. Das ist aber abhängig von Standort, Windhäufigkeit, Anlagentyp – und vom Menschen selbst.

Michael Altmoos

Gesundheitsgefahren durch Infraschall von Windkraftanlagen sind aktuell nicht auszuschließen, aber noch unsicher, so der derzeit aktuelle wissenschaftliche Stand. Deshalb sollte das Vorsorgeprinzip gelten: Keine oder weniger Anlagen bauen und sehr große Abstände einhalten.

Streitpunkt: Landschaft

Pro Windkraft

Notwendige Leitungen und Anschlüsse erfolgen oft unterirdisch, wodurch es wenig Auswirkung auf das sichtbare Landschaftsbild gibt. Der Schwerverkehr für Wartung wird überschaubar sein. Bevorzugt werden stets die nächsten Wege zu vorhandenen Trassen.

Contra Windkraft

Für Windkraftanlagen müssen viele Leitungen und Anschlüsse gelegt, mit Schwerlastern befahrbare Wege gebaut und unterhalten werden. Breitere (Feld-/Wald-) Wege werden benötigt. Das zersiedelt und zerstört in der Summe deutlich Landschaften und Lebensräume. Das wiegt umso schwerer, je stiller, schöner oder naturnäher die Räume sind. Auch wenn Wege nicht so auffällig sind wie die Windräder selbst.

Michael Altmoos

Die Summe und Vervielfachung der "Zersiedlung" durch Fahrwege und Anschlüsse wiegt schwer, insbesondere in Räumen, die bislang positiv ruhig und relativ unzerschnitten waren.

Streitpunkt: Klimaschutz

Pro Windkraft

Windkraft ist ein Beitrag zum Klima- und Umweltschutz: Keine Abgase, weniger CO2-Ausstoß (auch nach Einrechnung des Verbrauchs bei Herstellung und Wartung von Windkraftanlagen) – und dennoch Gewinn von dringend benötigter Energie.

Contra Windkraft

Die CO2-Ersparnis ist nicht so groß, weil CO2 bei der Herstellung und Wartung der Anlagen sowie bei Wald-Rodungen frei wird. Mangels ausreichend Speicher müssen Reservekraftwerke (fossil oder atomar) weiter laufen. Deren Umweltbelastung verbleibt. Somit kaum bis wenig Ersparnis.

Michael Altmoos

Natur- und Umweltschutz umfasst viel mehr als Abgase und Klimaschutz. Zu nennen ist "Biodiversität", also die natürliche Vielfalt von Arten, Lebensräumen und (freier) Landschaft. Windkraft ist nicht per se umweltfreundlich. Sie ist entgegen ihrem früheren Image gerade nicht "grün", "öko" oder "sauber". Es ist eine Industrie wie jede andere, die ihre Vor- und Nachteile hat und die verträglich gestaltet werden muss, es aber nicht pauschal ist.

Streitpunkt: Tierschutz

Pro Windkraft

Rotorschlag ist ein tragisches Einzelereignis; es erhöht aber nicht wesentlich die ohnehin vorhandenen Gefahren in unserer Kulturlandschaft. Gerade Vögel und Fledermäuse können Windkraftanlagen umfliegen und lernen damit umzugehen.

Contra Windkraft

Vögel, Fledermäuse, aber auch Insekten (teils riesige Summen) werden durch sich drehende Rotoren erschlagen. Das kann bei manchen Arten gravierende Bestandseinbrüche verursachen (belegt für Fledermäuse, Rotmilan). Folglich sind Beeinträchtigungen im Naturhaushalt möglich (z.B. Schädlingsvermehrungen - noch unbewiesene These).

Michael Altmoos

Es hängt von der Tierart, Populationsgröße, Region, Standort und Bauweise ab, ob Rotorschlag große Folgen hat. In vielen Fällen sind gravierende Beeinträchtigungen belegt, aber nicht überall. Bei Populationen seltener Arten ist dies aber besonders relevant. Und gerade der Rotmilan ist aufgrund seiner Lebensweise häufig durch Rotorschlag betroffen.

So entsteht ein Windrad

Fundament, Turm, Gondel und Rotor - bis ein Windrad gen Himmel ragt, gehen Wochen ins Land. Gerald Ortegel aus Aurachtal, von Beruf Diplomkaufmann, ist in seiner Freizeit mit der Kamera unterwegs und fotografiert rasanten Motorsport, Live-Konzerte - und eben auch Windräder.

Über mehrere Monate hinweg hat Ortegel den Aufbau eines Windriesen im Landkreis Neustadt/Aisch - Bad Windsheim begleitet. Wir zeigen seine Fotos.

Wie Windräder ein ganzes Dorf spalten

Im oberfränkischen Oberngrub hat sich vieles verändert

Oberngrub zählt 175 Einwohner - und fünf Windräder. Als die Firma SoWiTec das Dorf im Landkreis Bamberg 2002 an die Energiewende anschließen wollte, öffnete sich im Ort ein Graben. Auf der einen Seite standen die Befürworter, auf der anderen jene, die sich um das Landschaftsbild und die Gesundheit sorgten. Und die die "Bürgerinitiative Gegenwind" gründeten. Trotz Gegenwehr drehen sich seit neun Jahren fünf 108-Meter-Riesen. Wie viel Strom die Windräder genau produzieren, wissen die Oberngruber nicht. Laut Bürgermeister Helmut Krämer hat die Gemeinde keinen Einblick in die Zahlen der dänischen Firma.

Mit dem Bau der Anlagen ging der Streit für die Oberngruber erst los. Edeltraut Hölzlein, Sprecherin der Bürgerinitiative, wohnt seit 29 Jahren im Dorf. "Diese Windkraftanlage hat vieles verändert", sagt sie. "Ganze Familien haben sich zerstritten." Jetzt, nach neun Jahren, sei etwas Ruhe eingekehrt. "Man redet wenigstens wieder miteinander."

Ein Oberngruber, der nicht genannt werden möchte und der in einem Abstand von 900 Metern zu einem der fünf Windräder wohnt, sagt, dass die Windräder immer noch ein großes Thema seien und dass ständig darüber gesprochen werde. "Die Stimmung im Dorf ist nicht mehr so, wie sie mal war. Die Leute haben es nicht vergessen."

"Wir haben uns inzwischen an den Anblick der Kolosse gewöhnt", sagt Edeltraut Hölzlein. "Toll finden wir sie aber nicht." Das Geld habe das Dorf gespalten. "Diejenigen, die ihr Grundstück an SoWiTec verpachtet haben, profitieren natürlich davon. Der Rest schaut in die Röhre."

Windkraftfreundliche Frankenhöhe

Selbst Japaner interessieren sich für die Gemeinde Mausdorf

Auf seiner Terrasse hört Johannes Maibom es manchmal: das Windrad, das seit vier Jahren in etwa tausend Metern Entfernung von seinem Wohnhaus steht. "Es ist wie ein leichtes, rhythmisches Rauschen, das bei mir je nach Witterung ankommt." Wohlgemerkt: An vielleicht zehn Tagen im Jahr.

Drei Riesen drehen sich mittlerweile am Rand von Mausdorf, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Neustadt/Aisch. Der Ruf der 200 Einwohner reicht weit. Sogar aus Japan kommen Neugierige und lassen sich zeigen, wie die deutsche Energiewende auf der Frankenhöhe funktioniert. Daran ist Johannes Maibom schuld. Der Maschinenbau-Ingenieur aus Bielefeld, der wegen des Jobs nach Franken zog, hat schon vor Jahren seine neuen Nachbarn von alternativen Energiequellen überzeugt. Mit sechs weiteren Köpfen hob er 2008 das Projekt "Bürgerwindanlage Reuthwind" aus der Taufe und sammelte dafür 108 Unterschriften von Menschen, die bereit waren, Privatvermögen in den Bau zu investieren - jeweils zwischen 5000 und 250.000 Euro. Maibom: "Ein Drittel sind überzeugte Idealisten." Für den Rest seien die 6,5 Prozent Rendite der Anreiz gewesen. 7,5 Mio. Euro – das ist übrigens in etwa die Summe, die so ein Energieerzeuger insgesamt schluckt.

Gegner gab es keine, höchstens verunsicherte Nachbarn. "Wir haben uns von Anfang an der Diskussion gestellt. Natürlich gibt es immer diejenigen, die kein Gegenargument zulassen, aber bis heute gab es keine einzige Beschwerde."

Der Schwur des Helmut Pfefferle

Der Mann, der die Energiewende in der Fränkischen beerdigte

Helmut Pfefferle wohnt in Seidmar, direkt am Walberla. Hier vermietet er Ferienwohnungen, doch nicht jeder kommt zu ihm. Manche sehen in ihm nicht den herzlichen Gastgeber, sondern den großen Gegenspieler.

Pfefferles erbitterter Kampf gegen Windräder wurzelt tief in der eigenen Lebensgeschichte. Früher kommt Pfefferle, 1952 in Kleinhöbing bei Thalmässing geboren, beruflich viel herum. Trotzdem zieht er nicht weg. Doch seine Heimat verändert ihr Gesicht. Erst kommt die Autobahn, dann die ICE-Strecke, Strommasten, Nato-Tieffluggebiete. "Weil wir alles brav erduldet haben", sagt er.

Als er mit seiner Frau der Tochter folgt, die in der Fränkischen Schweiz ihren Mann fand, können die Pfefferles nicht schlafen. Weil sie die Ruhe nicht kennen. Es ist die Ruhe, die auch Pfefferles Gäste suchen, wenn sie eine Ferienwohnung in seinem Haus am Kirschgarten buchen. Diesen sanften Tourismus will Pfefferle, inzwischen im Ruhestand und Vorsitzender des Tourismusvereins "Rund ums Walberla", bewahren – und mit ihm die 5000 Arbeitsplätze der Branche. "Wir haben hier keine Industrie, sondern nur die Landschaft."

Jeden einzelnen seiner Gäste hat er gefragt, ob sie wiederkommen, wenn Windräder in der Fränkischen stehen. Nur zwei von 400 sagten "Ja", erzählt Pfefferle.

Wie geht's jetzt weiter?

In Oberhochstatt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken ging die mittlerweile dienstälteste Windkraftanlage Frankens in Betrieb. Das war 1995. Fast 20 Jahre später herrscht: Stau. Denn mit dem gerade erst beschlossenen Sonderweg, der so genannten 10-H-Regel, können geschätzt noch rund 50 neue Windkraftanlagen gebaut werden.

Das sind aber nur jene Anlagen, für die bis Februar 2014 eine Genehmigung erteilt wurde. Für Unterlagen mit späterem Datum gilt: Zwischen Windrad und erstem Wohnhaus muss ein Abstand eingehalten werden, der mindestens dem Zehnfachen der Windrad-Höhe entspricht. Weil die Tendenz zu 200-Meter-Riesen geht, sprechen wir von zwei Kilometern.

Natürlich, so das Gesetz, könne auch enger gebaut werden. Vorausgesetzt, es gibt kein einziges Veto. Von den 1500 Windrädern, die sich im Freistaat nach den Wünschen des damaligen Umweltministers Markus Söder drehen sollten, werden somit am Ende höchstens 1000 umgesetzt werden können, schätzt beispielsweise Mar­tin Stümpfig, energiepolitischer Spre­cher der Grünen im Landtag.

Mitarbeiter dieser Geschichte:
  • Jule Dressler, Manuel Kugler, Eva Sünderhauf (Texte)
  • Jule Dressler, dpa, Fritz-Wolfgang Etzold, limes-luftbild.de, Ralf Rödel, Gerald Ortegel, Heinz Wraneschitz (Fotos)