SamSon: Frau Wasmeier trifft...

Frau Wasmeier trifft...

Marion Grether

Es ist ein bisschen wie das berühmte kleine gallische Dorf: Mitten in dem, was im Volksmund "Südstadt" genannt wird und eigentlich Steinbühl, Gibitzen- und Lichtenhof heißt, versteckt sich eine entzückende Winzigkeit namens "Rabus". Ein Viertel, das kaum einem Nürnberger geläufig sein dürfte - und das Marion Grether, die Direktorin des Museums für Kommunikation, nicht zuletzt deswegen so entzückt.

2013 kam die 44-jährige Greifswalderin nach Nürnberg. Als "Nord-Süd-Gemisch" aus Kiel und Konstanz hatte Marion Grether Kunstgeschichte und Archäologie studiert, "die Wendezeit als Ossi" erlebt, am Stadtmuseum Lingen gearbeitet und am Berliner Museum für Kommunikation, bevor das Angebot kam, das Haus in Nürnberg zu leiten. Seitdem "guckt sie immer, dass alles läuft" in der Lessingstraße, das "kein Museum für das klassische Publikum des Bildungsbürgertums, das sich Inhalte hart erarbeitet, sondern ein interaktives Museum für Familien, das Spaß vermittelt" sein will.

Seitdem hat Marion Grether viel gelernt über den Franken im Allgemeinen und den Nürnberger im Speziellen, erzählt sie beim Spaziergang durch ihr "Rabus", in dem sie, ist sie sich sicher, nur landen konnte, weil sie von außerhalb kam und nichts wusste über die Befindlichkeiten, die die Hiesigen so mit ihren Vierteln verbinden. Schlichter Pragmatismus habe sie hier her geführt. Rabus liege zentral, biete schönen, günstigen Wohnraum und ist, wie hernach erkannt wurde

"noch nicht so bekannt und cool - und das finde ich gut."

Bei allem wortreichen Schwärmen fällt gleich ein Name zu Beginn auffällig oft: die "Gugelstube" lässt das Herz der einstigen Berlinern höher schlagen - und das beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit. "Dieser Hotspot ist de facto ein Späti", der "nicht nur Döner und Mittagessen, sondern immer was zu trinken" hat.

Ein Geheimtipp

findet Marion Grether, der sich durch maximale Gastfreundlichkeit des Betreibers Selcuk Ündülere, der seit sieben Jahren das beinahe 20 Jahre alte Familienunternehmen leitet, auszeichnet. Wie zum Beweis werden uns Espressi angeboten.

Die Einladung zum Mittagessen müssen wir zwar dankend doch leider ablehnen. Keine Zeit, weiter geht's, die Museumsdirektorin hat viel zu tun.

Und nicht minder viel zu sagen. Über Rabus, klar. Aber vor allem auch darüber, wie sehr Nürnberg und seine Einwohner die Zugezogene verwirren. Dass man hier Angst habe, die Bahnen zu verlassen, die man kennt, dass der Nürnberger so verhalten sei mit seiner Stadt, dass er sie schon gut findet, man das aber erstmal nicht merkt, dass viel mehr probiert werden sollte, denn "nicht ein Scheitern wäre das Problem, sondern das Nichtprobieren", und das, meint Marion Grether, sei gerade im Hinblick auf das Thema "Kulturhauptstadt" wichtig.

"Enthusiasmus von Nürnberg für Nürnberg wäre gut – und nicht gelogen".

Eben diesen Enthusiasmus empfindet Marion Grether für das kleine Rabus, dessen hübsche Fassaden und aufgeräumte Straßen man so nicht vermutet hätte. Trotzdem stehen alle paar Meter die Ladengeschäfte leer, "da könnte man viel tolles draus machen." Gemacht hat sich jedenfalls das "Galvani", fränkisches Restaurant und Kneipe, "altbacken, aber das Essen ist echt top – und neuerdings gibt's hier Schanzenbier", ein Umstand, der zu großer Freude gereicht.

Was auch der nahegelegene Hummelsteiner Park tut, zu dem der Weg mit 15 Minuten allerdings den Rahmen sprengt. "Außerdem", erklärt Frau Grether mit großem Ernst, "laufe ich ja gar nicht so gern, einmal im Monat 20 Minuten, das muss reichen", weswegen ein weiterer Vorzug von "Rabus" lobend erwähnt wird, fährt von hier doch die "Schubse", also die Straßenbahn, direkt in die Innenstadt – und überhaupt: "Die Linie 5 ist super, die fährt an allen wichtigen Sachen vorbei" und direkt hinaus zum Tiergarten.

Viel fein Restauriertes gibt es zu sehen in Rabus, aber auch viel Altes, "vermutlich weil es vergessen wurde", überraschend schöne Schuckert-Hinterhöfe kann man finden und diverse Einmal-Alles-Läden wie den von Frau Vogel, bei der ein Blick durchs Schaufenster ein Sortiment von Holzarbeiten bis Williamsbirne verrät.

Tante Emma Laden

Noch viel breiter das Angebot eines letzten "Tante Emma Ladens". Der hat zwar keinen Namen, wohl aber seine Geschäftsführerin: Ursula Höhn führt das "Riesensortiment" in dritter Generation, ist "hier reingeboren" und bietet von "alles für den täglichen Bedarf, Obst, Gemüse, Käse, Fisch, Fleisch aus der Region" vor allem

"Beratung wie früher".

Weiter auf dem Weg entdeckt man schöne Dinge, die Marion Grether als typisch für ihr Viertel identifiziert: "Charmant und liebevoll" nämlich hat ein Hausbewohner das Vordach des Eingangs in eine strahlende Weihnachtslandschaft verwandelt und diese "virtuos elektrifiziert". Toll, findet Marion Grether. "Irgendwo hat sich hier immer jemand was ausgedacht." Und kommuniziert eine gewisse selbstbewusste Bodenständigkeit wie auch die "Gaststätte Hasenbuck", die sozusagen den Kreis zur Gugelstube schließt.

Raus aus der Rabus'schen Beschaulichkeit mit Fassaden, Alleen und Las-Vegas-Advent findet man sich unversehens wieder in der südstädtischen Südstadt wieder: Multikulti, Verkehr und Gewusel, und mittendrin die Gaststätte Hasenbuck "bei Sokrates" mit Sichtweite auf die Siemensbrücke, hinter der der abgebrannte Lidl ruht, und dem Beweis, dass "ein Restaurant nicht stylisch sein muss, damit die Leute kommen." Denn das tun sie. Wenn es nach Marion Grether geht, bald auch in ihr "Rabus", das "Miniviertel mit fünf Straßen".

Katharina Wasmeier

SamSon-Mitarbeiterin
kontakt@samson-magazin.de

...fragt sich, wie viele tolle Viertel es eigentlich noch gibt, von denen sie noch nie gehört hat.