Monika Hürner

Monika Hürner

kam als Junge zur Welt

Den alten Körper abstreifen

In den 1950er Jahren kam Monika Hürner als Rolf Hürner auf die Welt. Mit uns hat sie über ihre Kindheit, ihre OP und über ihr Leben nach der Geschlechtsumwandlung gesprochen.

Es gibt nur ganz wenige Momente, in denen Monika Hürner im Spiegel ihrem alten Ich begegnet. Morgens und abends blickt sie in ein Gesicht, das sie an Rolf erinnert. Immer erinnern wird.

Dann greift sie zur Schminke, zur Haarbürste, wählt ihre Kleidung aus. "Ich bin jeden Tag so etwas wie eine Verwandlungskünstlerin", sagt sie. Eine, der auf der Straße hinterhergeschaut wird. Die Komplimente für ihr Aussehen bekommt. Die aber auch Blicke auf sich zieht, die abschätzig sind.

Das war schon in Eckental im Landkreis Erlangen-Höchstadt so, wo Monika Hürner aufgewachsen ist und nach wie vor eine Kanzlei als Steuerberaterin betreibt. Und das ist so in Fürth, wo sie seit etwas mehr als zwei Jahren wohnt.

"Ich bin hierher gezogen, weil ich anonym mein Leben als Frau leben wollte", erinnert sie sich. Doch die Menschen in Fürth waren nicht viel anders. Auch hier wurde hinter ihrem Rücken geredet, mit dem Finger auf sie gezeigt. "Also bin ich nach vorn gegangen, habe mich geoutet."

Monika Hürner ist ein offener Mensch. Für manche vielleicht zu offen. Für sie aber ist das der einzig mögliche Weg. Sich zu verstecken, das war ihr ganz schnell klar, bringt nichts. Die Angst vor der Reaktion der anderen lässt sie gar nicht erst zu. Stattdessen geht sie in die Offensive und erzählt.

Darüber, dass sie als Junge auf die Welt kam, dass sie schon immer etwas anders als die anderen war. Monika, die damals noch Rolf Hürner hieß, steckte in einem Körper fest, den sie am liebsten abgestreift hätte.

Doch erst, als der 50. Geburtstag schon hinter ihr lag, entschied sie sich für die große Lösung: die offizielle Namensänderung, die Anpassung des Geschlechtseintrags im Pass, die Hormontherapie, die Operation. Das Parallelleben als seriöser Steuerberater unter der Woche und als schriller Transvestit, der am Wochenende in Berlin unterwegs war, war eben doch keine Dauerlösung.

"Wohin die Reise geht, war ungewiss."

Der Abschied von Rolf beginnt mit einer großen Party. "Wohin die Reise geht, war ungewiss." Die Hormontabletten führen dazu, dass Monika Hürner mit Mitte 50 die Pubertät noch einmal durchlebt. Sie sagt selbst, dass sie vor vier Jahren eine ganz andere gewesen ist. Bunter, lauter, provokanter.

Schluss mit dem Doppelleben:
  • Aus Rolf (oben) wurde Monika Hürner (unten: Bild von 2010, links: 2011).

Walter Gerstung, Maler und Grafiker aus Fürth, hat Monika Hürner schon diverse Male gezeichnet und gemalt. Von ihm stammt auch das Portrait-Foto am Anfang dieser Geschichte, das Hürner mit Hut und Uniform zeigt.

"Ich hätte vieles nicht geschafft, wenn ich gleich eine Frau gewesen wäre."

Wer ihre Geschichte kennt, sieht einen maskulinen Zug im Gesicht, hört die etwas tiefere Stimme. Alle anderen sehen eine geschmackvoll gekleidete und geschminkte Dame, die mit dem Ring an ihrem Finger spielt, während sie spricht, die sich das Haar hinter die Ohren streift und ihre Beine ladylike übereinanderschlägt.

Sich zu bewegen wie eine Frau, zu sitzen wie eine Frau – all das kam natürlich. Auf die Frage, was sie an sich nicht mag, antwortet Hürner: "Ich bin 59. Ist doch klar, dass ich da nicht mehr perfekt bin. Aber ich bin in Fürth ein Hingucker."

Monika Hürner genießt den Flirt mit Männern. Doch sie ist realistisch: "Heteros werden sich nie mit Transsexuellen einlassen. Für sie bleiben wir immer Männer." Das klingt fast so, als könne sie es verstehen.

"Heteros werden sich nie mit Transsexuellen einlassen. Für sie bleiben wir immer Männer."

"Ich hätte eigentlich ein Mädchen werden sollen. Und als ich dann eins war, war es auch wieder nicht recht."

Weniger geduldig ist Monika Hürner dagegen, wenn es um die Toleranz anderer geht, darum dass Menschen wie sie einfach ihr Leben leben können, ohne abfällige Bemerkungen herunterschlucken zu müssen. Wer schwul, lesbisch oder transsexuell ist, sagt sie, müsse sich durchbeißen, egal wo. "Wir haben in Fürth im Moment zwei Probleme", sagt sie. "Die Gustavstraße und die Spielvereinigung. Alles andere wird unter den Teppich gekehrt."

Monika Hürner ärgert das Schubladendenken ihrer Mitmenschen. Ihr ist klar, woher das kommt: Weil im Fernsehen heterosexuelle Männer in Stöckelschuhe gesteckt werden und eine transsexuelle Frau darstellen sollen. Weil spätestens seit dem Erfolg der Kunstfigur Conchita Wurst jeder glaubt, dass Transsexuelle immer auch Dragqueens sind. Weil die wenigsten hinterfragen. Geschweige denn: überhaupt erst einmal fragen. "Der Großteil von uns will ganz normal leben", sagt die 59-Jährige. "Nur schaffen viele es nicht, weil wir von der Gesellschaft gemobbt werden." Würde ein Lehrer Monika Hürner einladen, um vor Schülern zu sprechen – sie wäre sofort dabei. "Aufklärung findet statt. Nur meistens völlig verkehrt."

"Ich sehe mich selbst als Lady, als Diva, nicht als Dragqueen. Als solche würde man mich im Job nicht ernst nehmen."

Geschlechts-OP ist heute kein Muss mehr

Männer, die sich als Frauen fühlen (oder umgekehrt), können ihren Vornamen und die Geschlechtsangabe im Pass ändern lassen. Letzteres ist seit 2011 deutlich einfacher: Die Betroffenen müssen sich keiner Operation mehr unterziehen.

Für die Vereinfachung sorgte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts: "2011 hat es das Transsexuellengesetz weitgehend außer Kraft gesetzt", erklärt Clemens Kalb, Vizepräsident des Amtsgerichts Nürnberg. "Jetzt gibt es nur noch ein Rumpfgesetz." Kalb ist am Gericht u. a. für den Bereich Namens- und Geschlechtsänderung zuständig.

1981 trat das Transsexuellengesetz (TSG) unter dem sperrigen Namen "Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen" in Kraft. Es sollte regeln, unter welchen Voraussetzungen Männer, die sich als Frauen fühlen, auch als Frauen leben und anerkannt werden können – und umgekehrt. Das TSG sah bis zu dem erwähnten Urteil des BVG eine "kleine" und eine "große" Lösung vor: Bei der kleinen wurde nur der Vorname geändert. Das Geschlecht im Pass blieb aber das biologische. Zum Problem konnte das bei Eheschließungen oder der Eintragung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften werden.

Bei der großen Lösung wurde auch der Geschlechtseintrag im Pass geändert. Voraussetzung dafür war bis 2011 allerdings eine operative Geschlechtsumwandlung. Das beanstandeten die Richter in Karlsruhe: Es verstoße gegen die Menschenwürde und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Transsexuelle zu diesem Eingriff zu zwingen, der, wie bei jeder OP, mit Risiken verbunden ist.

Deshalb gibt es nach jetzigem Stand keine Unterscheidung von Vornamens- und Geschlechtsänderung mehr. Der oder die Betroffene stellt einen Antrag beim Amtsgericht, das dann zwei Gutachten in Auftrag gibt: Psychologen oder Psychiater sollen beurteilen, ob sich die Person schon mindestens drei Jahre lang dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, und sich an diesem Gefühl voraussichtlich nichts mehr ändern wird.

"Die OP, die die Leute früher machen mussten, hat vermutlich viele abgeschreckt."

Clemens Kalb

Wenn beide Gutachter das bejahen, steht der offiziellen Namens- und Geschlechtsänderung nichts mehr im Wege. Clemens Kalb schätzt, dass in Nürnberg durchschnittlich etwa 80 Menschen pro Jahr einen solchen Antrag stellen. Allerdings kommen diese aus dem gesamten Nürnberger Oberlandesgerichtsbezirk, der sich über ganz Mittelfranken, die Oberpfalz und Teile Niederbayerns erstreckt.

"In den letzten Jahren ist die Zahl der Anträge deutlich gestiegen", sagt Kalb. Er ist sicher, dass das mit der geänderten Gesetzeslage zusammenhängt: "Die OP, die die Leute früher machen mussten, hat vermutlich viele abgeschreckt."

Intelligenzdiagnose, Anamnese, Begutachtung...

Dr. Andreas Rose erzählt aus seinem Alltag als Psychologe

Bevor Transsexuelle Namen und Geschlechtsangabe im Pass ändern können, müssen sie sich von Fachleuten begutachten lassen: Es geht um die Frage, ob der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, wirklich dauerhaft oder nur vorübergehend ist. Doch wie läuft so eine Begutachtung ab? Darüber sprachen wir mit Dr. Andreas Rose, Psychologe aus Fürth.

Das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein, drückt erheblich auf die Psyche. Dr. Andreas Rose erlebt die Menschen, die er zu begutachten hat, immer als leidend: "Sie sind oft suchtkrank oder neigen zu Selbstverletzungen", sagt der Fürther Psychologe. Auch Selbstmordgedanken seien keine Seltenheit.

Beobachtung über mehrere Monate hinweg

Rose begutachtet seit rund 20 Jahren Transsexuelle. Gerade der enorme Leidensdruck treibt die Menschen zu ihm: Männer, die sich als Frauen fühlen, und Frauen, die sich als Männer fühlen, wollen in ihrer empfundenen Geschlechtsrolle leben und anerkannt werden. Dazu ist jedoch ein bürokratischer Prozess nötig: Wer seinen Vornamen und Geschlechtseintrag im Pass ändern will, muss bei Gericht einen Antrag stellen. Das Gericht beauftragt dann zwei Psychologen oder Psychiater, ein Gutachten zu erstellen. In einem meist mehrmonatigen Verfahren sollen sie die Person beobachten und begutachten, um herauszufinden, ob diese tatsächlich transsexuell ist, sprich: ob ihr Zwang, in der anderen Geschlechtsrolle leben zu wollen, schon seit mindestens drei Jahren besteht und sich voraussichtlich nicht mehr ändern wird. Wenn beide Gutachter das bestätigen, werden Name und Geschlecht im Pass geändert.

Wie aber läuft eine Begutachtung Transsexueller ab? "Zuerst befrage ich die Leute zu eventuellen Vorbehandlungen", sagt Rose. "Das können zum Beispiel Hormonbehandlungen oder Psychotherapien sein."

Viele merken als Kind schon, dass etwas nicht stimmt

So findet der Psychologe heraus, wie lange die zu begutachtende Person schon mit dem Thema befasst ist. Viele, sagt der 59-Jährige, merkten schon im fünften oder sechsten Lebensjahr, dass das Geschlecht, dem sie sich zugehörig fühlen, nicht ihrem biologischen entspricht. Die Lebensläufe Transsexueller seien oft von gestörten Beziehungen zu den Eltern und biographischen Brüchen gekennzeichnet.

"Transvestitischer Fetischismus"

Es folgen eine Intelligenzdiagnose und Anamnese, also Aufzeichnung des Leidenswegs des Patienten, und weitere Befragungen. Rose muss bei der Begutachtung nämlich andere mögliche Ursachen für das gestörte Geschlechtsempfinden überprüfen: Liegt vielleicht nur das vor, was die Fachliteratur als "transvestitischen Fetischismus" bezeichnet? Oder hängt es mit einer "Störung der Sexualpräferenz" zusammen?

Gerade bei jüngeren Patienten spielt der "Alltagstest" eine wichtige Rolle: Der oder die Betroffene soll ausprobieren, wie das Leben in der anderen Geschlechtsrolle klappt – bei der Arbeit, in der Familie, im Bekanntenkreis. Rose hat in den vergangenen 20 Jahren auch schon Menschen erlebt, bei denen der Alltagstest nicht klappte. "Aber das sind Ausnahmen", sagt er. "Manche haben auch schon einen langen Weg hinter sich, nehmen Hormone und kommen bereits in ihrer gewünschten Geschlechtsrolle zu mir."

Was, wenn die Person lügt?

Doch was ist, wenn die Person bei der Befragung lügt, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen? "Man kann mit psychologischen Methoden überprüfen, ob jemand ehrlich antwortet", sagt Rose. Dass jemand das nicht tut, sei jedoch die absolute Ausnahme. Er könne sich nur an einen Patienten erinnern, der offensichtlich falsche Angaben machte.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der 59-Jährige Veränderungen beobachtet: "Früher war die Umwandlung vom Mann zur Frau deutlich öfter als umgekehrt. Heute ist das Verhältnis ausgeglichener. Und die Patienten werden jünger. Immer öfter sind sie minderjährig."

Für Ersteres hat Rose folgende Erklärung: Männer, die sich wie Frauen kleiden und verhalten, seien schon länger bekannt und sozial akzeptiert – etwa durch Transvestiten in Film und Fernsehen. Dass auch Frauen sich als Männer fühlen können, sei dagegen ein verhältnismäßig neues Phänomen.

Das sinkende Durchschnittsalter der zu begutachtenden Transsexuellen interpretiert der Psychologe so: "Wer sich schon im Kindes- oder Jugendalter im falschen Körper fühlt, kann sich heute viel leichter informieren als früher. Es gibt etliche Foren im Internet, wo die Betroffenen erfahren, was mit ihnen nicht stimmt."

Mitarbeiter dieser Geschichte:

Text: Philipp Demling, Eva Sünderhauf, Fotos: Fotolia (Sergey Tryapitsyn, ekostsov, AllebaziB), Roland Fengler, Karlheinz Daut, Stefan Hippel