Kürbishof Steinach

Rund, prall, orange:

Der Kürbis ist gerade schwer in Mode

Waren die eigentlich immer schon da?

Natürlich.
  • Kürbisse gehören zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. So richtig in Mode gekommen sind sie bei uns aber erst seit ein paar Jahren.
  • Seither scheint der Herbst überall in Orange zu leuchten. Die dekorativen Exemplare schmücken die Hauseingänge, die schmackhaften landen in den Töpfen und Öfen.
  • Eine Begegnung mit einem faszinierend vielseitigen Gewächs, mit einer Familie, bei der sich alles um den Kürbis dreht und mit Bastel-Tipps für einen schönen Herbst.

Rund, prall, in leuchtendem Orange - das ist ein Bild von einem Kürbis.

Aber dann gibt es natürlich noch die schlangenförmigen und die mit den Warzen auf der Schale. Die winzigen und die Superbrummer. Die grünen, die gelben, die melierten...

Kürbis, das heißt eigentlich nichts anderes als Vielfalt. Auf dem Hof der Familie Schneider im Fürther Stadtteil Steinach gibt es in diesem Herbst 64 verschiedene Sorten. Viele sind essbar, manche einfach nur schön.

"Früher", sagt Richard Schneider (44), "haben wir Tabak angebaut." 2003 war Schluss damit. "Wir haben ein neues Standbein gesucht."

Kürbisse waren die Lösung.

Heute ist der Hof, der seit Generationen von der Familie bewirtschaftet wird, im Herbst komplett auf das vielfältige Fruchtgemüse eingestellt.

Insgesamt wurden in dieser Saison auf 2,5 Hektar Fläche Kürbisse angebaut. "Heuer waren sie etwas zickig", sagt Schneider. Das feucht-warme Wetter im Juni habe auf die Früchte unter ihrem großen Blätterdach wie eine Sauna gewirkt.

Für Botaniker zählen Kürbisse zu den Beeren.
  • Dazu zählen alle Früchte, deren Kerne frei im Fruchtfleisch liegen.
  • Historiker fanden heraus, dass Kürbisse in Mittel- und Südamerika schon vor rund 10.000 Jahren angebaut wurden. Christopher Kolumbus, so heißt es, brachte das ihm unbekannte Nahrungsmittel von seiner großen Amerikafahrt mit.
  • Doch erst im 16. Jahrhundert freundete man sich in Europa mit dem fremden Gewächs an. Lange Zeit wurde es hierzulande – anders als in Amerika – allerdings bloß als Viehfutter benutzt.
  • In Mode als schickes Gemüse kamen die Prachtkerle in Orange zunächst mit den Halloween-Bräuchen aus den USA. Mittlerweile sind im Herbst und Winter nicht nur die Deko-Aspekte schwer angesagt: Auf das Stichwort "Kürbis Rezept" spuckt Google inzwischen mehr als eine halbe Million Vorschläge aus.

Damit die Kürbisse heranreifen, waren in Steinach auch drei Hummel-Völker im Einsatz.

Sie sind für die Bestäubung der Blüten zuständig, denn auch bei dieser Aufgabe ist das zunehmende Bienen-Sterben deutlich spürbar. Richard Schneider hat die Hummeln bestellt – im Internet.

Ungerufen kommen dagegen die Hasen, die eine Reihe von Kürbissen angenagt haben. Schneider wundert sich: "Nebenan wächst Salat, warum mögen die jetzt Kürbis?" Und dann wäre da auch noch die Frage, warum die Langohren gleich mehrere Exemplare kosten, statt eines fein säuberlich aufzufressen...

Richard Schneider ist Nebenerwerbslandwirt, im Hauptberuf arbeitet er im Werkzeugbau und ist Ausbildungsleiter in einer Spielwarenfabrik.

Unterstützt wird er unter anderem von seinem Bruder Rainer (48). Er ist "Allrounder", wie er seine Aufgabe selbst nennt, vor allem ist er für den Verkauf zuständig.

Der frühe Morgen und der Abend gehören dem Hof: "Die wirklich stressige Zeit dauert etwa sechs Wochen, da wird's schon mal 10 Uhr abends, manchmal geht's um fünf wieder auf den Großmarkt."

Seniorchefin Gerda Schneider packt überall mit an. "Ohne sie geht gar nichts", sagen Richard und Rainer. Die 77-Jährige schrubbt zum Beispiel jeden Zierkürbis, der den Hof verlässt.

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Nach der Ernte müssen die Felder vorbereitet werden. Zur Bodenverbesserung dient zum Beispiel die sogenannte Gründüngung, bei der spezielle Pflanzen angebaut, aber nicht geerntet, sondern untergepflügt werden.

Im Winter warten neue Aufgaben: "Ab Januar überlege ich, welche Sorten auf welches Feld kommen werden." Neben der Buchführung listet Richard Schneider auch genau auf, wie sich welche Sorte auf dem Acker gemacht hat. So kann er entscheiden, welche Samen in der neuen Saison am besten zum Zuge kommen.

In den vergangenen Jahren sind die Kürbisse der Familie spürbar ans Herz gewachsen. Wie lange es so bleibt, ist freilich ungewiss.

"Ich glaube, die Zeit der kleinen Betriebe geht zu Ende", sagt Richard Schneider. Mehr und mehr frisst Büroarbeit die Zeit des Nebenerwerbslandwirts. "Wir leben in einer schnelllebigen Epoche", überlegt der 44-Jährige, "es wird nicht ewig mit den Kürbissen weitergehen."

Was dann kommt? Man wird sehen. Und sich – so wie vor ein paar Jahren beim Ende der Tabak-Ära – neu erfinden müssen.

Wer auch immer
  • für die Namensgebung im Kürbis-Gewerbe verantwortlich ist, er muss ein poetisches Gemüt haben:
  • "Aladins Turban" findet sich da etwa und er macht seinem Namen wirklich alle Ehre. Der "Kleine Mandarin" ist kaum so groß wie eine Faust. Das "Chamäleon" wechselt mit jedem Exemplar sein Farbkleid und die "Fliegende Untertasse" könnte in jedem Science-Fiction-Film eine Hauptrolle übernehmen.
  • Und dann wären da noch "Big Mama", der "Gelbe Krummhals", die "Pink Banana"... Allein der "Mikrowellen-Kürbis" nimmt sich in dieser klangvollen Reihe ein bisschen nüchtern aus.
  • Doch auch er hält, was er verspricht: Schneidet man rund um seinen Stiel eine Art Deckel ab und entfernt Kerne und Fasern aus seinem Innern, muss er bloß noch für ein paar Minuten in die Mikrowelle und kann schon serviert werden. Richtig lecker wird's mit Kräuterfrischkäse oder Sauerrahm.
Superfood:
  • Punkten können die verschiedenen Speise-Kürbisse auch mit ihren inneren Werten.
  • Grundsätzlich bestehen sie aus bis zu 90 Prozent Wasser, deshalb tragen sie nicht dick auf und haben bloß etwa 25 Kalorien pro 100 Gramm. Im Fruchtfleisch machen sich Kohlenhydrate rar. Dafür finden sich wertvolle Mineralien wie Kalium, Kalzium und Eisen.
  • Obendrein enthalten Kürbisse B-Vitamine und die Vitamine E beziehungsweise C. Dazu gesellt sich Kieselsäure, die sich günstig auf Haut, Bindegewebe und Nägel auswirkt. Der hohe Anteil an Beta-Carotin, einer Vitaminvorstufe, sorgt unter anderem für gesunde Augen.
  • Reich an lebenswichtigen Stoffen sind auch die Kürbiskerne, die zum Beispiel eine hohe Konzentration an pflanzlichen Hormonen enthalten. In der Naturheilkunde haben sie sich von alters her unter anderem bei Erkrankungen der Blase bewährt.
In den Tagen vor Halloween am 31. Oktober ist der Run auf die
  • besonders dickbäuchigen Vertreter der Gattung noch einmal besonders groß. Verziert mit möglichst schaurigen Grimassen und Kerzen, werden sie ein paar Nächte lang leuchten.

Aber da geht noch mehr.

Vor allem, wenn Tanja Franz ("Basteln und Dekorieren ist mein großes Hobby") sich Gedanken macht. Die 44-Jährige, die als Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte arbeitet, hat den Hauseingang in Poppenreuth schon mit einem Kürbis-Arrangement gestaltet.

Uns zeigt sie drei ganz einfache Deko-Tipps.

Deko-Tipp 1:

Als Basis dient ein alter Waschzuber, der längst ausgedient hat und jetzt einfach gut aussieht.

Deko-Tipp 2:

Zunächst einmal müssen die Kerne raus. Emily (12) und Fabian (9) basteln genauso gerne wie ihre Mutter, sie greifen zu Säge und Löffel oder was immer sich zum Aushöhlen eignet.

Ein großes Herz wird anschließend auf die "Schokoladenseite" gezeichnet, anschließend wird die Form ausgeschnitten.

Jetzt müssen bloß ein paar schöne Perlen auf Silberdraht aufgefädelt werden. Das Ganze findet Halt im Fruchtfleisch. Fehlt nur noch ein Teelicht - und schon leuchtet es herbstlich.

Deko-Tipp 3:

Emily zeigt: So wird aus einem aufgeschnittenen Draht-Kleiderbügel ein individueller Blickfang.

Einfach praktisch:
  • Schon in der Antike machten sich Kürbisse nützlich. Der aus Afrika stammende Flaschenkürbis diente unter anderem als Gefäß, konnte aber auch als Musikinstrument ertönen.
Einfach phantastisch:
  • Die Super-Beeren können freilich auch ganz märchenhafte Eigenschaften haben – wenn man feste genug daran glaubt. Für Cinderella zauberte eine gute Fee aus einem schlichten Kürbis schließlich eine wunderbare Kutsche...
Sabine Rempe für Samson

Sabine Rempe

SamSon-Mitarbeiterin
kontakt@samson-magazin.de

...hat neue Bekanntschaft gemacht: Spagetti-Kürbisse. Keine Pasta. Aber sowas von lecker.

Hans

Hans-Joachim Winckler

FN-Fotograf
kontakt@samson-magazin.de

...war froh, dass wenigstens zwei kleine Hokaidos in seinem Garten Erntereife erlangt haben.

Fotos: Hans-Joachim Winckler; weitere Fotos: dpa, Roland Huber
  • Video: Hans-Joachim Winckler